Der Diestelfink (von Donna Tartt)

the goldfinchIm Alter von 13 Jahren soll der Erzähler der Theodore Decker von der Schule verwiesen werden. Bevor er sich mit seiner Mutter auf den Weg zu einem Gespräch mit dem Direktor macht, besuchen sie das Museum of Modern Arts in New York. Ausgerechnet an diesem Tag kommt es zu einem Terroranschlag, in dem Theodore verletzt und seine Mutter getötet wird. Während der Wirren entwendet Theodore auf das Anraten eines Sterbenden hin das Gemälde „der Distelfink“. Der Roman beleuchtet die Jugendjahre Theodores sowie seine späten 20er Jahre. Er kommt zunächst bei einer befreundeten Familie unter, schließt eine Freundschaft mit einem Möbelrestaurator und folgt schließlich seinem zuvor verschwundenen Vater nach Las Vegas. Später kehrt er, drogenabhängig, nach New York zurück, wo er das Möbelrestaurationsgeschäft seines Freundes, mit halblegalen Methoden, wiederbelebt. Immer ist ihm dabei das Gemälde sowohl eine Stützte als auch Ursprung für seine Paranoia, immerhin können jederzeit Ermittler vor seiner Tür auftauchen.

Donna Tartt präsentiert einen umfangreichen, streckenweise deprimierenden und doch mitreißenden Roman. Ihr Erzählstil ist ausschweifend und versucht breit angelegt das Denken Theodores einzufangen. Trotz der vielen Handlungsstränge, bleibt die Anzahl der Protagonisten durch die Ich-Perspektive begrenzt. Außerdem gelingt es der Autorin ein dauerhaft hohes Erzähltempo zu halten. Der Beginn der Erzählung wirkt zwar etwas träge, doch bereits nach wenigen Kapiteln überschlagen sich die Ereignisse regelmäßig.

Die deprimierenden Elemente des Romans sind das Leid, das Theodore geschieht und das er sich später selbst zufügt. Durch den Weggang seines Vaters ist seine Mutter eine wichtige Bezugsperson für Theodore geworden. Ihr Verlust und seine Schuldgefühle nehmen ihn sehr mit. Auf beeindruckende Art erzählt Tartt wie Theodore sich in New York ins Leben zurückkämpft und bei den wohlhabenden Barbours ein neues Leben beginnt, während er bei dem Möbelrestaurateur Hobart ein Hobby aneignet. Dieser hoffnungsvolle Teil deutet bereits an, dass es Theodore nicht gelingen mag, offene Beziehungen zu anderen Leuten einzugehen: Der Verlust seiner Mutter, das geraubte Bild aber auch seine eigenen Hemmungen verhindern, dass er sich seinem Umfeld öffnet.

Dieser aufstrebende Teil wird durch das Auftauchen des Vaters jäh unterbunden. Theodore muss, da sein Vater sich bessern möchte, nach Las Vegas umziehen. Dort baut er zwar eine beeindruckende, wenn auch merkwürdige Freundschaft zu dem Ukrainer Boris auf. In der grenzenlosen Langeweile in Las Vegas und dem immer gefährlicheren Umfeld seines Vaters gleitet er jedoch allmählich in die Alkohol- und später auch Drogensucht ab. Von diesem Moment hört der Roman nicht mehr auf, den Leser atemlos in seinen Bann zu ziehen. Theodore kehrt zwar nach New York zurück und baut sich dort eine solide Existenz auf. Seine illegalen Machenschaften – er verkauft gewöhnliche Möbel als Antiquitäten – und seine ständigen Drogentrips lassen Theodore und den Leser paranoid und gehetzt durch New York streifen.

Der Roman ist jedoch nicht nur mitreißend, sondern besticht auch durch seine überzeugenden Charaktere. Die Barbours, Boris und vor allem Hobart wirken aus dem Leben gegriffen und tragen alle ihre eigenen Probleme und Geschichten mit sich herum. Theodore ist dadurch umgeben von Menschen, die ihm zugeneigt sind und ihm helfen könnten und wollten. Mit ihnen kommt er durch regelmäßige Wendungen, die zwar konstruiert aber doch überzeugend sind, in Kontakt. Theodores Unfähigkeit, vertrauensvolle Beziehungen einzugehen, werden im Verlauf der Handlung immer tragischer. Selbst Hobart, der ihn nach dem Tod seines Vaters aufgenommen und eine Existenz ermöglicht hat, kann Theodore sich nur mit Mühe öffnen. Obwohl der Restaurateur ausschließlich gutmütig und helfend auftaucht, erwartet Theodore doch aufgrund seiner (beachtlichen) Fehler verstoßen zu werden. Dies geschieht natürlich nicht, Theodores große Sorgen verdeutlichen jedoch, seine Vertrauensprobleme. Dies führt soweit, dass er letztlich auch romantische Beziehungen eingeht, die ganz offen eher utilitaristisch denn emotional sind. Ob dies durch den frühen Verlust einer familiären Bezugsperson oder eine Folge der Schuld- und Drogenprobleme ausgelöst ist, bleibt dem Leser überlassen.

Theodore verliert dabei jedoch nie den Willen zu Leben. Das Gemälde wie auch seine Verehrung eines Mädchens, das ebenfalls den Anschlag im Moma erlebte, treiben ihn immer weiter an. Auch wird deutlich, dass er durchaus in der Lage ist, Gefühle zum Beispiel zu Hobart oder den Babours aufzubauen – auch wenn er sich diesen nicht gänzlich öffnen kann. Der Leser kann anhand des Distelfinks so in einem spannenden Umfeld das Leben eines jungen Menschen erleben, der viel verloren hat, sich selbst viel antut und doch davon angetrieben ist, sich und vor allem den Menschen, die ihm wichtig sind ein gutes Leben zu ermöglichen. Gerade letzteres, insbesondere seine Treue zu Hobart, sind beeindruckend und lassen ihn unter den vielen schwierigen Umständen zu einem Helden werden, der die 1000-seitige Auseinandersetzung in diesem Roman wahrlich verdient.

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