Soumission (von Michel Houellebecq)

soumission„Soumission“ (deutsch: Unterwerfung) ist wohl das meistdiskutierte Buch des Winters 2015 gewesen. Zeitgleich mit den grausamen Terror-Anschlägen in Paris veröffentlicht, schlug Houellebecqs Ausblick auf eine mögliche islami(sti)sche Regierung in Paris hohe Wellen. Nach Jahren erfolgloser konservativer wie sozialistischer Regierungen erlebt der Ich-Erzähler, ein Universitätsspezialist für den französischen Autor Huysmans, den Aufstieg einer moderat-islamischen Partei, der es haarscharf gelingt, in die Stichwahl um das Amt des französischen Staatspräsidenten zu gelangen. Während das Land in der Folge einen zugespitzten Wahlkampf zwischen dem rechtsextremen Front National und den von Konservativen und Sozialisten unterstützten Muslimen erlebt, bleibt der Erzähler von den Ereignissen weitgehend unberührt. Die praktischen Auswirkungen der Politik auf sein Leben führen zu keinem Zeitpunkt dazu, dass er sich über seine eigene Rolle in dieser Konstellation Gedanken macht. Stattdessen lässt er sich teilnahmelos und planlos treiben bis er das Angebot erhält, ein komfortables Leben im neuen Regime zu führen – unter der Bedingung, dass er sich zum Islam bekehrt.

Der Roman ist zunächst ein mäßig radikales Zukunftsszenario. Durch die Verwendung heutigen politischen Personals wirkt der Ausblick einigermaßen authentisch. Die fast ausschließliche Verwendung heutiger Politikprominenz in den Reihen der etablierten Parteien deutet jedoch darauf hin, dass das Szenario kaum realistisch konzipiert ist. Zumal der zügige Aufstieg einer islamischen Partei in einem noch immer mehrheitlich christlich und/oder atheistisch geprägten Land – über einen radikalen Wandel der Gesellschaftsstrukturen wird kaum ein Wort verloren – äußerst unwahrscheinlich wirkt. Zurück bleibt eine beißende Kritik an der politischen Klasse Frankreichs, die den in einer liberalen Demokratie notwendigen Balanceakt zwischen ideologischen Visionen und effizienter Regierungspolitik seit langem entweder nicht findet oder aber nicht an die Bevölkerung kommunizieren kann. Die Handlung gibt jedoch auch Raum für eine (oberflächliche) Auseinandersetzung mit dem Gedankengut so genannter „Identitiärer“ und deren Gemeinsamkeiten mit islamistischen Ideen. Vor allem letzteres gibt dem Roman und dem dargestellten Zukunftsszenario einen deutlichen ironischen Unterton.

Die Hauptfigur des Romans verstört mit ihrer Teilnahmelosigkeit. Selbst die Vorliebe für Huysmans wirkt teilweise emotionslos – wirkliche Begeisterung oder Emotionen mögen hier kaum aufkommen. Konsequenterweise sind die Beziehungen des Protagonisten ähnlich eingefahren: Beinahe jährlich wechselt er die Studentin, mit der er ein Verhältnis unterhält. Dennoch spürt man, dass er sich nach Konstanten im Leben sehnt, selbst aber nicht in der Lage dazu ist, diese zu schaffen. Während die Auseinandersetzung mit den zerrütetten Familienverhältnissen des Protagonisten – vermutlich lediglich eingebaut, um Parallelen zum Autor herzustellen – nichtssagend in der Handlung stehen, überzeugen vor allem die Momente, in denen der Protagonist beginnt, sich mit der politischen Situation auseinanderzusetzen. Von Bekannten erfährt er gesellschaftliche Vorgänge, die ihm zuvor durch seine eigene Ignoranz nicht aufgefallen sind. Bemerkenswerterweise bewegt ihn dies nicht dazu, eine klare, eigene Meinung zu formen. Dabei bleibt die Frage im Raum stehen, ob dies daran liegt, dass eine klare, rationale Meinung angesichts der zerrütetten Situation unmöglich ist oder an der (stellvertretend für viele westliche Bürger dargestellten) Ahnungs- und Willenslosigkeit der Hauptfigur.

Selbst der Jobverlust – ausschließlich mit religiösen Motiven begründet – kann den Ich-Erzähler nicht erzürnen. Großzügig abgefunden, arrangiert er sich mit einem inhaltsleeren Leben und übernimmt einen Gelegenheitsjob. Ähnlich teilnahmelos nimmt er jedoch das die Handlung abschließende Angebot seiner Universität an: Durch einen Übertritt zum Islam erlangt er seine alte Position mit verbessertem Gehalt und Konditionen wieder. Das zentrale Argument für ihn ist die Möglichkeit, als Muslim mehrere Frauen zur Gleichen Zeit „unterhalten“ zu dürfen und gleichzeitig in Geld zu schwimmen. Dies steht stellvertretend für die Art und Weise mit der das neue muslimische Regime seine Macht konsolidiert. Nach dem klassischen „Teilen und Herrschen“ Prinzip werden Frauen aus dem Arbeitsmarkt verdrängt, wodurch die Löhne und Arbeitschancen für Männer steigen. Konsequenterweise erwächst ihm hier eine treue Wähler- und Unterstützerschaft. Um Ideen, um Konzepte geht es der Mehrheit der Bevölkerung längst nicht mehr, sondern um den kleinen, eigenen, persönlichen Vorteil.

„Soumission“ ist eine durchschnittliche Kritik an der politischen Klasse in Frankreich und bietet eine mäßige Auseinandersetzung mit einem antriebslosen Literaturwissenschaftler vor dem Hintergrund eines gewaltigen politischen Paradigmen-Wechsel. Der Fokus des Buches auf die (An)Teilnahmelosigkeit der Hauptperson und die darin liegenden Parallelen zu weiten Teilen der westlichen Bevölkerung überzeugt hingegen. Für diese banale Erkenntnis, dass ohne eine engagierte oder zumindest teilhabende Mehrheit der Bevölkerung keine Demokratie zu machen ist, braucht man jedoch nicht diesen Roman zu lesen.

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