Selma

Selma_posterNach der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 1964 wendet sich Martin Luther King einem neuen Projekt zu: Der Erlangung des faktischen Wahlrechts für alle amerikanischen Staatsbürger. Mit seinem Anliegen stößt er bei Präsident Johnson jedoch auf taube Ohren, dem Präsidenten sind andere Anliegen wichtiger. In der Folge wählt King den Ort Selma als Bühne für die nächsten Proteste aus. Mithilfe des gewalttätigen örtlichen Sheriffs und der unbeugsamen Landesregierung will er Aufmerksamkeit auf die massenhafte Ausgrenzung von Wahlmöglichkeiten erregen. Nicht nur die ständigen Einschüchterungen, sondern auch die zu bringenden Opfer lassen die Hauptfigur der Bürgerrechtsbewegung jedoch an seiner Tätigkeit zweifeln.

„Selma“ ist ein Film mit bildendem und gleichzeitig epischem Anspruch. Fünfzig Jahre nach den Ereignissen in Alabama setzt der Film den Aktivisten von damals ein Denkmal. Im Mittelpunkt steht dabei, einer heutigen Generation die damaligen Vorgänge zu erläutern. Das funktioniert überraschend gut. Der Film wirkt selten belehrend und dennoch authentisch. Lediglich das ständige Einblenden der FBI-Überwachungsnotizen gibt dem Werk eine verschwörerische Note. Ansonsten sind vor allem die Aktivisten aber auch der Präsident, der Gouverneur und ihre Mitarbeiter äußerst überzeugend gespielt.

An dem epischen Anspruch scheitert der Film jedoch. Dies führt dazu, dass viele Szenen zu lang geraten sind. Vor allem die Reden Kings sind zwar auch im Film beeindruckend, können ihre Wirkung jedoch nicht immer erzielen. Außerdem wird zu stark mit der Bedrohung für King und jeden einzelnen Aktivisten „gespielt“, als dass wirkliche Spannung aufkommen könnte. Hier hätte ein ruhigerer, nüchterner und weniger effekthaschender Stil eventuell einen besseren Film produziert.

Nichtsdestotrotz führt auch dieser Stil zu einigen gelungenen Elementen. Zentral sind dabei vor allem die Darstellung der Solidarität innerhalb der Bewegung und die Darstellung der Vorgehensweise. Es wird deutlich, dass der „Kampf“ nur möglich ist, weil die „Bewegung“ sich nicht nur organisiert, sondern auch zusammenhält. Die Botschaft, die dadurch mitgeteilt wird, ist wohl auch heute noch von enormer Bedeutung: In Zeiten immer extremerer Liberalisierung ist es geradezu unmöglich gegen Beharrungskräfte wie zum Beispiel konservative Konventionen oder Wirtschaftsinteressen vorzugehen, da es exakt an dieser Art der Solidarität mangelt. Den Suchern nach einer einzigartigen, moralisch reinen Bewegung wird die Vorgehensweise Kings und seiner Mitstreiter vorgehalten: Ihnen ist bewusst, dass es nicht nur zu Ausschreitungen kommen wird, sondern dass dabei auch ihre Mitstreiter verletzt und eventuell getötet werden. Diesen Preis sind sie gewillt zu bezahlen, um insgesamt Veränderungen zu bewirken. Was aus heutiger Perspektive grausam wirkt, ist letztlich aber nur konsequent. Hier kämpft eine Gruppe nicht um persönliche, individuelle Vorteile, sondern um eine Veränderung der Gesamtsituation. „Selma“ erkennt das an, stellt diese Ambivalenzen dar und beschönigt die kritischen Aspekte daran nicht. Dadurch wird der Film auch ein gelungenes Statement für die Notwendigkeit schwieriger (und schmerzhafter) Kompromisse.

Dadurch und dank seiner sehr guten Schauspieler ist „Selma“ ein durchaus sehenswertes Denkmal für ein einschneidendes Ereignis der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das an mehreren Stellen zum Nachdenken anregt und mit dem „FBI“ und den dargestellten Ambivalenzen nicht davor zurückschreckt Parallelen zur Gegenwart herzustellen. Trotz einiger langatmigen Szenen und einer zu gewollt „epischen“ Herangehensweise lässt der Film daher bewegte Zuschauer zurück.

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