The Circle (von Dave Eggers)

The_Circle_(Dave_Eggers_novel_-_cover_art)Als Internetnutzer kommt man an dem Circle nicht vorbei. Das Unternehmen bietet essentielle Dienste an, wie zum Beispiel die Circle ID, mit der jeder unter seinem Klarnamen ins Internet gehen und sich dort ausweisen kann. Nach einem langweiligen und unterfordernden Job beginnt Mae Holland ihre Arbeit als Kundenberaterin beim Circle. Den Job hat sie dank ihrer ambitionierten Freundin Annie erhalten, die in der Führungsebene des Unternehmens arbeitet. Die Circle-Erfahrung ist für Mae wegweisend: Die Atmosphäre, die Freundlichkeit und vor allem die Transparenz überzeugen die junge Frau rasch. Das Unternehmen, so ist sie sich sicher, wird die Welt mit dem Transparenz-Gedanken zum Besseren verändern. Eines Tages „leiht“ sie illegal ein Kajak. Circle-Geräte decken dies auf. Anstatt sie zu bestrafen, macht die Circle-Führung Mae zur Botschafterin für eine Transparenz-Offensive: Jeder sollte jeden Tag komplett online „transparent“ beziehungsweise überwachbar sein.

„The Circle“ ist ein mitreißender Roman. Die Handlung selbst ist schnell getacktet und immer an derzeitige Ereignisse angebunden. Dadurch erhält sie einen ungemein realistischen Eindruck, der den Leser fesselt. Andererseits führt der bildende Anspruch des Romans zu einigen unnötigen Dialogen und zu stereotypen Hauptpersonen, denen es nicht erlaubt ist, sich zu Charakteren zu entwickeln.

Die vielen bekannten Elemente des Romans erzeugen einen sehr realistischen Eindruck. Viele der Circle-Produkte sind lediglich konsequente Weiterentwicklung bereits existierender Angebote. Zusammen bilden sie ein Service-Utopia, in dem man beinahe alles erhalten und gestalten kann. Gleichzeitig ist man jedoch einer mächtigen Firma, die quasi das Internetmonopol hält, hilflos ausgeliefert. Dargestellt wird das im Roman an Politikern, die digital ruiniert werden, sobald sie sich kritisch gegenüber dem Circle äußern. Konsequenterweise sind es dementsprechend auch Politiker, die vom Circle zuerst in einer „Transparenzkampagne“ zu totaler Offenheit, sprich: einer Circle-Kamera um den Hals, verpflichtet werden. Der Sog dieser Ereignisse nimmt auch den Leser mit.

Dabei zeichnet der Circle letztlich eine Dystopie die totalitärer ist als 1984. Musste das Regime in Orwells Roman noch daran arbeiten, die Sprache umzugestalten, ist dies für den Circle nicht mehr notwendig: Die Kunden des Unternehmens machen sich selbst, völlig freiwillig zu Augen und Ohren ihres Dienstleisters. Indem sie auch noch Wahlbüros in die Hand des Circles geben, treten sie de facto ihre Souveränität an das Unternehmen ab. Beeindruckend ist auch eine der letzten Szenen: Verbrechen sind durch die ständige Überwachung bereits stark reduziert, nun macht sich das Unternehmen daran, flüchtige vergangener Verbrechen aufzuspüren. Dabei wird ein Bild an die Circle-Community gegeben und innerhalb von zwanzig Minuten spüren die drei Milliarden Nutzer den oder die Flüchtige auf.

Wie in 1984 gibt es auch in diesem Roman Widerstand. Leider ist das die größte Schwäche des Romans. Hier geht es nicht darum eine beeindruckende Geschichte zu erzählen oder gar der menschlichen Natur auf die Spur zu kommen. Die Hauptperson Mae Holland bleibt wie alle Charaktere stereotyp. Obwohl der Circle ihr komplettes früheres Leben zerstört und sie von allen Bekannten entfremdet hat, ist sie eine begeisterte Jüngerin des Unternehmens. Nie reflektiert sie, ob die Macht des Circles eventuell zu weit gehen könnte. Im Gegenteil, während die Welt vor den Augen der Leser in einer Gute-Laune-Kuschel-Transparenz-Diktatur umgestaltet wird, lässt sich Mae als Erste von Millionen von Nutzern beinahe 24 Stunden am Tag überwachen. Ironischerweise bricht Mae selbst regelmäßig die Totalüberwachung: Ihre einzigen vernünftigen, menschlichen Gespräche, die nicht einem Filmdrehbuch entstammen könnten, werden auf der Toilette geführt, wo sich ihre Kamera für drei Minuten abschaltet. Natürlich sind diese Entmenschlichung Maes und der damit verbundener Fanatismus beeindruckend. Es verhindert jedoch ein eindringliches Bild wie „das Regime“ gegen Kritiker vorgeht – so wie 1984 es zum Beispiel bietet.

Dass der Circle mit Gegnern kurzen Prozess macht, wird nie direkt dargestellt. Eine kritische Politikerin hat plötzlich eine Porno-Affäre am Hals. Maes Exfreund, der sich dem Internetwahn verweigert und mit seinem „alternativen“ Lebensstil eine Kleinstbedrohung für den Circle darstellt, wird auf einer der Onlinejagden zu Tode gehetzt. Und zuletzt gibt es da eine unbekannte Person, die intern gegen die Firma vorgeht. Letztere führt zu einem (überzeugend) unspektakulären Finale. All dies führt dazu, dass man die totale Macht des Unternehmens zwar wahrnimmt, aber nicht mitfühlt.

Zuletzt sorgen die vielen Marketing-, Werbe- und Ideendialoge dafür, dass man das Gefühl hat, auf Tech-Konferenzen verloren gegangen zu sein. Hier kann der Roman seinen bildenden Anspruch nicht verhüllen und das ist schade. Denn die Dialoge wirken so gestellt und künstlich, dass es unwahrscheinlich erscheint, irgendjemand könne darauf hereinfallen. Andererseits, ähneln diese Dialoge vermutlich den Anpreisungen, die auf heutigen Präsentationen geboten werden. Damit wäre man wieder bei dem bemerkenswerten Realitätseindruck des Romans.

Insgesamt bietet „The Circle“ eine gut lesbare und sehr überzeugend wirkende Dystopie, in der ein Unternehmen die Menschheit mit Transparenz und Freundlichkeit die dazu bringt, sich selbst im Sinne des Unternehmens zu überwachen. Schwächen weist die Geschichte bei der (stereotypen) Charakterzeichnung sowie des teilweise zu moralischen Anspruches auf. Vor allem durch letzteres wird der ansonsten so überzeugende Realitätseindruck geschmälert, da vor allem die längeren Dialoge sehr konstruiert wirken. „The Circle“ ähnelt in solchen Momenten eher einem vor den Gefahren des Netzes warnenden Pamphlet als einem Roman. Immerhin: Wer sich vorher mit der Thematik noch nicht auseinandergesetzt hat, wird nicht nur ordentlich unterhalten, sondern sich anschließend vermutlich Fragen zum eigenen Nutzungsverhalten stellen.

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