Souvenir (von Philip K. Dick)

DickEdward Rogers hat die Ehre, als Erster Williamsons Welt betreten zu dürfen. Williamson war ein Raumfahrtpionier, dem es als Erster geglückt ist, das Sonnensystem zu verlassen. Dabei verschwand er. Nun bestätigen sich die Legenden, dass er die erste menschliche Kultur außerhalb des Sonnensystems gegründet hat. Edward wird von Williamsons Nachfahre Frank Williamson willkommen geheißen. Er bemerkt rasch, dass die Bewohner der Kolonie stark von der Galaktischen Kultur abweichen. Sie arbeiten selbst und benutzen keine Roboter, sie führen sogar noch Krieg gegeneinander. Er bietet ihnen an, der Galaktischen Kultur beizutreten, die den weitesten technischen Fortschritt und vor allem Frieden biete. Williamson lehnt ab, wohlwissend, dass ein Schlachtschiff der Galaktischen Kultur den Planeten umgehend zerstören wird. Vorher warnt Williamson, dass der Gedanke, Freiheit höher als Frieden zu schätzen, nicht zerstört werden könne. Tatsächlich zeigt sich Rogers Sohn eigenartig fasziniert von einem Souvenir von Williamsons Welt.

Williamsons Welt ist eine irritierende Mischung aus modernen und feudalen Elementen. Auf der einen Seite gibt es viele Elemente, die aus der heutigen Welt bekannt sind. Die verschiedenen Clans auf dem Planeten ähneln den heutigen Nationen. Außerdem scheint jeder Clan besondere Industrieanlagen zu besitzen, sodass eine gewisse Art von Handel notwendig ist. Gleichzeitig sind die Dimensionen durch den Bevölkerungsrückgang so geschrumpft, dass sich die komplizierten politischen Systeme der Neuzeit nicht erhalten ließen. Der älteste Mann führt, ganz patriarchalisch, den Clan und entscheidet über Krieg und Frieden. Auch scheinen einige Gegenstände, wie zum Beispiel Becher, wieder per Hand hergestellt worden zu sein.

Die Gesellschaft sieht der Leser ausschließlich aus Rogers Augen. Rogers Begeisterung, als Erster die Welt betreten zu dürfen, ebbt rasch ab. Zwar ist er von der wilden und rauen Kultur auf dem Planeten fasziniert, gleichzeitig ist eine gewisse Irritation, in gewissem Maße sogar so etwas wie Ekel schnell spürbar. Es verwundert den Leser gar nicht, dass die „galaktische Kultur“ alle Probleme der Menschheit wie Hunger, Krieg und Arbeit bereits gelöst hat.

Das Beitrittsangebot wirkt zunächst großzügig. Bekanntlich ist ein einseitiger Technologieaustausch heutzutage unvorstellbar. Williamsons Ablehnungsrede wirkt hingegen enttäuschend knapp. Erst im Nachgang wird deutlich, wie die galaktische Kultur Frieden und Wohlstand sichern konnte: Jeder Widerspruch, jede Andersartigkeit wurde konsequent vernichtet. In ihrer Einförmigkeit scheint sie die „ideale“ technokratische und vor allem totale Gesellschaft erschaffen zu haben, die gnadenlos gegen jede Abweichung vorgeht.

Das ist für sich eine ungemein pessimistische Vision. Universaler Frieden könnte nach dieser Lesart nur durch den Verlust der gedanklichen sowie gesellschaftlichen Vielfalt erreicht werden. In dieser Hinsicht ist das rebellische Flunkern in den Augen von Rogers Sohn am Ende gar kein rein positives Zeichen. Es deutet zwar darauf hin, dass keine totalitäre Gesellschaft von Dauer sein kann, da sie der menschlichen Natur wiederspricht. Doch dürfte damit der „erreichte“ Frieden wieder in Gefahr sein.

„Souvenir“ ist also eine düsterer Blick auf die Möglichkeit, den Welt(- oder universalen )Frieden zu erreichen: Nach dieser Geschichte Dicks ginge es nur mit extremen Maßnahmen, die nie von Dauer sein könnten.

“Souvenir”, 1954, erschienen unter anderem in der Anthologie “Variante Zwei” im Haffmans Verlag.

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