Demain Berlin (von Oscar Coop-Phane)

demain berlinTobias, Armand und Franz sind sehr verschieden. Im Laufe ihres Leben zieht es alle drei jedoch an den selben Ort: Berlin. Sie alle haben in ihrem Leben kleinere oder größere Schwierigkeiten überwinden müssen, haben Probleme, sich mit einem Alltag der Erwerbsarbeit abzufinden, und stürzen sich daher in die Berliner Party- und Drogenszene. Mit lauter Musik und einigen Wahnvorstellungen wird die empfundene Leere beseitigt – bis man Berlin verlässt.

„Demain Berlin“ beginnt sehr stark. Im ersten (von fünf) Abschnitt werden die Geschichten der drei Hauptcharaktere knapp erzählt. Das soll den drei Protagonisten etwas Hintergrund und in einigen Fällen auch tragische Höhe verleihen. Gut, gelingt das nur bei Tobias, der nicht nur eine extrem schwere Kindheit durchlebte, sondern durch eine kurze Beziehung auch noch HIV-positiv ist. Armand hingegen hat sich sein Leben lang nur gelangweilt und sogar seine große Liebe aus reiner Langeweile verlassen. Franz hingegen – der einzige, der nicht längere Zeit in Paris gelebt hat – musste von Beginn an in Deutschland gegen Standesunterschiede kämpfen. Nachdem er es mit viel Arbeit und Mühe zum Abitur gebracht hat, reichten seine Kontakte gerade einmal für einen langweiligen Bürojob, was ihn rasch ins Glücksspiel und die Drogenszene abdriften ließ. Alle drei Geschichten sind spannend zu lesen.

Ab dem zweiten Abschnitt befinden sich alle drei in Berlin und gehen hauptsächlich miteinander auf Parties. Dazwischen sinnieren sie oberflächlich über das Leben und ihre eigene Zukunft. Das Versprechen, das „Porträt“ einer Generation zu liefern, löst Coop-Phane nicht ein. Dies wird in vielen Rezensionen kritisiert. Vergessen wird dabei, dass es kein Bild der „gesamten“ Generation, sondern ein Bild der – in zunehmender Zahl nach Berlin strebenden – Franzosen in Berlin sein soll.

Interessant ist aus der Perspektive, dass Berlin im Vergleich zu Paris als „freie“ Stadt porträtiert wird. Hier scheint es jedem möglich, zu leben wie er möchte. Hier haben die Menschen Zeit, sich mal ins Café zu setzen, anstatt mit harter Arbeit ihre enorme Miete zu verdienen. Das ist ein merkwürdiges Bild, verbindet man Paris doch in erster Linie mit vielen Bistros. Gleichzeitig gehen die Protagonisten mit der Freiheit nicht sehr gut um. Keinem gelingt, es etwas Sinn in sein Leben zu bringen. Am erfolgreichsten ist am Ende Fritz – er klammert sich an eine Frau und diszipliniert sich mit der Angst, auch diese wieder zu verlieren. Thomas hingegen verliert sich völlig im Nachtleben, Armen flüchtet zurück nach Paris.

Arte wies (zurecht?) daraufhin, dass sich nicht alle Franzosen in der Freiheit Berlins verlieren. Tatsächlich ist „Demain Berlin“ mehr eine Reportage denn ein Roman. Der starke Auftakt wird im Verlauf der Erzählung nicht genutzt. Stattdessen scheint der Autor die Erfahrungen, die er während eines Jahres in Berlin gemacht hat, in einem Reportage ähnlichen Stil weitergeben zu wollen. Das führt zu detailliert beschriebenen Partynächten (und -tagen), zu viel Drogenkonsum und zu wenig erzählerischer Tiefer. So ist „Demain Berlin“ nach einem überzeugenden Auftakt eher zu einem Reiseführer für Franzosen durch die Berliner Clubs als ein überzeugender Roman.

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