„Jung und Naiv“ – verständlich aber unkritisch?

Joiz ist der Name eines neuen TV-Senders in Deutschland, der nach Schweizer Muster ein Programm für eine junge, internetaffine Zielgruppe machen möchte. Zwischen Star Talk und Flirt Kitchen versteckt sich auch eine Sendung namens „Jung und Naiv – Politik für Desinteressierte“. Unter dem Episodentitel S1E1 interviewt Tilo Jung in der ersten Folge auf dem Kanal Peer Steinbrück. Es handelt sich um ein reines Interview, keine Talkrunde. Peer Steinbrück hat eine halbe Stunde Zeit, seine Position darzulegen. Jung duzt den Kanzlerkandidaten der SPD konsequent und scheut sich nicht davor, ihn regelmäßig zu unterbrechen, damit Steinbrück seine Standardantworten noch einmal etwas ausführlicher für ein Publikum erklärt, das mit Fachwörtern ein wenig überfordert ist. Obwohl das permanente Unterbrechen ausgesprochen direkt wirkt, lässt Jung den Politiker immer seine Antwort zu Ende erzählen. Selten werden zu lange Antworten abgebrochen, im Gegenteil, meist zielen die Zwischenfragen darauf ab, die Antwort mit Erläuterungen etwas länger zu gestalten.

Wirklich überraschend ist für den nicht ganz so netzaffinen Zuschauer, dass dies keineswegs die erste Episode ist. Über 70 Episoden finden sich bei Youtube bereits von der Reihe Jung und Naiv. Von einigen etablierten Medien wie dem Tagesspiegel als kleine Sensation gefeiert, haben es einige Videos auf Youtube bereits auf fünfstellige Klickzahlen gebracht, insgesamt wurde der Kanal über 200.000 Mal abgerufen. Das Interview mit Peer Steinbrück ist also nicht als Premiere zu werten.

Unter diesem Gesichtspunkt ist das automatisch wirkende Nachfragen nach Erläuterungen verständlich. Gleichzeitig ist es bemerkenswert, dass Jungs Nachfragen tatsächlich ein wenig naiv wirken, obwohl er die Antwort auf seine Frage höchstwahrscheinlich bereits kennt. Ansonsten wäre er gar nicht in der Lage dazu, die Interviews auf diese Art und Weise zu führen.

Angenehmerweise stehen in den dreißig Minuten die Inhalte des Kandidaten im Mittelpunkt. Natürlich geht es auch um Koalitionskonstellationen und die Frage, ob Steinbrück für eine große Koalition zur Verfügung stehen würde. Auch die Beziehung zu Angela Merkel wird mal erwähnt, aber der Großteil der Sendung dreht sich tatsächlich um die Euro-Krise oder die Steuergerechtigkeit im Land. Gefilmt wurde das Interview vermutlich auf einer Etage im Willy-Brandt Haus, Peer Steinbrück sitzt ein wenig eingefallen auf einer Bank, die Situation wirkt dadurch beinahe etwas natürlich.

Das Format ist vor allem deswegen interessant, weil es auch für Menschen, die sich mit Politik noch nicht viel auseinandergesetzt haben und den Politiksprech noch nicht verinnerlicht haben, verständlich ist. Schwierig ist, dass Tilo Jungs Nachfragen und Reaktionen eher bestätigend als kritisch sind. Immer wieder nickt er zustimmend, sodass bei dem Zuschauer der Eindruck erweckt wird, der Moderator stimmt dem Kandidaten zu. Dieses Muster funktioniert aber erst, wenn der Zuschauer mehrere Episoden gesehen hat und (wie anzunehmen) merkt, dass der Moderator mit jedem Interviewpartner auf diese Weise umgeht. Sollten alle Folgen in diesem Stil gestrickt sein, so bieten sie Politikern eine Bühne, auf der sie sich für einen kurzen Zeitraum (mit Hilfestellung des Moderators) an Jugendliche wenden können. Diese können dann anhand der verschiedenen Interviews, also im Vergleich verschiedener Politiker, herausfinden, wessen Positionen sie am ehesten unterstützen können. Dieser Bewertungsprozess erfordert ein weitaus weniger naives Publikum als durch den Titel suggeriert wird.

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