Open City (von Teju Cole)

open cityJulius ist ein junger Nigerianer, der in New York auf das Ende seiner Facharztausbildung zum Psychater hinarbeitet. Die Arbeitsatmosphäre im Presbyterian Hospital ist sehr angestrengt, daher entspannt sich Julius bei regelmäßigen Spaziergängen durch New York und bei Gesprächen mit alten Freunden. Dabei analysiert er nicht nur die Mentalität seine Mitmenschen, sondern denkt selbst über das Leben und vor allem sein Leben nach. Während er den New Yorkern attestiert das Trauma des 11. Septembers noch lange nicht bewältigt, sondern lediglich verdrängt zu haben, wird dem Leser rasch klar, dass auch Julius vieles aus seinem Leben nicht verarbeitet hat. Weder ist er ganz über den frühen Tod seines Vaters hinweg, noch hat er ein gutes Verhältnis zu seiner Mutter. Diese Gefühle geht er aber nicht an. Stattdessen kommt er auf die Idee, seinen kompletten Jahresurlaub um Weihnachten herum zu nehmen und nach Brüssel zu fliegen. Dort wohnte einst seine Großmutter, von der er jedoch nicht einmal weiß, ob sie überhaupt noch lebt. In Belgien findet er seine Großmutter nicht, in dem Ladenverkäufer Farouq findet er jedoch einen Intellektuellen, der seinen Gesprächsthemen würdig ist. Zurück in Amerika weiß Julius nicht, was er von der Nigerianerin Moji halten soll, die ihm irgendwie bekannt vorkommt.

„Open City“ ist ein sehr ruhiger, in sich gekehrter Roman. Die Handlung ist ausschließlich aus Julius Perspektive geschildert. Dabei gibt er aber häufig die Aussagen seiner Mitmenschen kommentarlos wieder. Der Leser muss sich in solchen Momenten selbst eine Meinung zu den vielen vermeintlich intellektuellen Phrasen, dei Julius begegnen bilden. Lediglich bei dem Professor Saito und dem Marrokaner Farouq engagiert sich Julius wirklich in einem Dialog, weil er seine Gesprächspartner als ebenbürtig einschätzt. Um so schlimmer ist es für ihn zunächst, dass Farouq relativ offen Sympathien für islamistische Terroristen erkennen lässt.

Ein besonderer Höhepuntk des Romans sind Julius Erinnerungen an seine Kindheit. Er ist in Nigeria aufgewachsen. Seine Mutter ist aus Deutschland dorthin ausgewandert. Seine Eltern führten eine schwierige Ehe, seine Mutter hatte zudem ein sehr gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter. Um in den Genuss einer soliden Ausbildung zu kommen, muss Julius seinen Heimatort früh verlassen. Er geht auf eine Militärschule und macht dort viele wichtige Erfahrungen für sein Leben. Die Rückblenden sind sehr eindringlich geschrieben, es sind Szenen an die sich Julius noch sehr direkt erinnert.

Dabei sind ihm die Ursachen für das schlechte Verhältnis zwischen seiner Mutter und seiner Großmutter ähnlich klar wie die Gründe für den fehlenden Kontakt mit seiner Mutter. Die Probleme geht er jedoch im ganzen Roman nicht an. Stattdessen kommt er auf die Idee, nach seiner Großmutter in Brüssel zu suchen. Das ist ein sinnloses Unterfangen, was Julius unbewusst auch bekannt ist. Denn in Belgien erwähnt er keinen nennenswerten Versuch, mit seiner Großmutter Kontakt aufzusuchen. Sicher, er schaut einmal im Telefonbuch nach. Als er dort aber nichts findet, gibt er schlicht auf.

Dennoch ist die Belgien-Passage eine der interessantesten des Romans. Sinniert Julius zuvor viel über geschichtliche und künstlerische Themen oder über seine Patienten, werden seine Unterhaltungen und Gedanken hier konkreter. Mit Farouq findet er einen marrokanischen Einwanderer, der von der europäischen Gesellschaft sehr enttäuscht ist. Vom Multikulturalismus ist er stark enttäuscht. Hier spürt man die Fremdheit, die sowohl Farouq in Belgien als auch Julius noch immer in den Vereinigten Staaten empfinden. Farouq erscheint dabei als äußerst intelligenter Mensch, der über ein großes Bildungsrepertoire verfügt. Um so erschreckender sind die radikalen Ansätze Farouqs, die nicht in der Lage sind, islamistischen Terror und Gewalt kategorisch abzulehnen. Sein Verständnis für diese Aktionen sind beängstigend und verstören nicht nur Julius.

Julius kann zudem nur schwer mit dem Tod umgehen. Der Tod seines Vaters hat die schwierige Beziehung zu seiner Mutter endgültig beendet. Aber auch wenn Julius Nachbarn oder gar sein Mentor Professor Saito sterben, ist er unfähig zu wirklichen Reaktionen. Stattdessen verfällt er in eine gewisse Lethargie, bedauert den Umstand und lebt weiter. Ähnlich geht es ihm mit seiner letzten Beziehung. Er akzeptiert die Tatsache, dass sie vorbei ist. Doch die Gründe dafür verarbeitet oder analysiert er nicht.

Der Roman kommt in New York zu seinem Ende. Julius trifft Moji wieder, die ihm irgendwoher bekannt vorkommt. Er verliebt sich ein wenig in sie, doch sie ist bereits in einer Beziehung und reagiert relativ feindselig auf ihn. Kurz nachdem Julius darüber sinniert, ob man sich in seinem eigenen Leben als Bösewicht sehen kann und dies verneint, alle sähen sich als die gute Person in ihrer eigenen Geschichte, wird Julius große Schuld aufgedeckt. Einst hat er auf einer Feier in Nigeria Moji vergewaltigt, deren Bruder wusste Bescheid und verdeckte die Tatsache. Diese Schuld hat Julius in Amerika hinter einer intellektuellen Fassade, die sich hauptsächlich mit Kunst und der Mentalität anderer Menschen beschäftigt, versteckt. Es ging sogar so weit, dass er Moji gar nicht wiedererkannte und bei ihrem Namen nicht sofort an seine Tat dachte. Von der Vergangenheit wieder eingeholt ist Julius für einen Moment verstört. Doch wie zuvor verdrängt er alles, macht mit seinem Leben weiter.

„Open City“ fasziniert vor allem wegen der überraschend klaren Sprache. Komplizierte, kluge und auch abstruse Themen werden hier in einem Plauderton präsentiert, der sich sehr gut lesen lässt, dem man manchmal aber auch etwas misstrauisch beäugen muss. Denn hinter allem steht der schwer zu fassende Charakter Julius, der einerseits sehr erfolgreich ist, sich andererseits aber häufig treiben lässt und Probleme verdrängt. Diese Mischung aus klarer Sprache, guten Themen und einem interessanten Charakter über den man bis zum Schluss eigentlich lediglich seinen Lebenslauf kennt, machen den Roman lesenswert.

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