Le sermon sur la chute de Rome (von Jerôme Ferrari)

le-sermon-sur-la-chute-de-rome-roman-acte-sud-jerome-ferrar„Le sermon sur la chute de Rome“ (dt. „Predikt auf den Untergang Roms“) erschien 2012 und erhielt den wichtigsten französischen Literaturpreis „Prix Gancourt“. Das Buch erzählt die Geschichte zweier Pariser Philosophiestudenten, die in dem Heimatdorf ihrer Eltern eine heruntergekommene Bar übernehmen. Dort möchten sie die beste aller Welten erschaffen, scheitern jedoch an dem unvermeidlichen Niedergang, den alles Glück in der Welt erleben muss. Jerôme Ferrari beschreibt das „Barabenteuer der anderen Art“ nicht nur mit vielen philosophischen Anspielungen, sondern auch in äußerst längen Sätzen. Das macht den Roman auch für fortgeschrittene Französischlerner zu einer wahrlich schweren Lektüre.

Libero und Matthieu sind von ihrem Studium gelangweilt, erkennen den Sinn darin nicht mehr. Stattdessen wirkt es viel ansprechender die Kneipe in ihrem Heimatort zu übernehmen. Aufgrund der viele Welten-Theorie ist Matthieu überzeugt, hier die beste aller Welten zu erschaffen. Das scheint den beiden zunächst zu gelingen. Sie bringen leben in das kleine korsische Dorf. Und anders als ihre Vorgänger haben sie mit der Kneipe wirklich Erfolg. Das liegt jedoch weniger an ihrem wirtschaftlichen Sachverstand, sondern an der Tatsache, dass sie attraktive Frauen beschäftigen. Mit ihnen kommt der wirtschaftliche Erfolg, aber auch eine Reihe von Problemen.

Denn natürlich stellt sich Matthieus Kneipenidylle als Schein heraus. Auf Korsika und in dem Dorf seiner Jugend, das er viele Jahre verklärte, findet er keinen Frieden. Er ist nicht in der Lage, alleine in seinem Appartement zu schlafen. Auch kehrt er sich immer mehr in sich zurück, bricht die Verbindungen zu seiner Familie. Dabei bauen sich über die Zeit in der Bar immer mehr Intrigen und Eifersüchteleien auf. Hinter der vordergründig fröhlich-lockeren Fassade, lauern mehr und mehr Abgründe. Das beginnt bei Alkoholproblemen und hört bei kriminellen Angestellten auf.

Allein die Handlung um die Kneipe, die in einem doch ein wenig abstrusen, aber außerordentlich tragischen Verbrechen endet, würde auch für ein knappes 200-Seiten Buch nicht ausreichen. Die Klammer für die Geschichte bietet Matthieus Großvater. Er stand sein Leben lang unter dem Einfluss eines Fotos, das 1918 aufgenommen wurde. Obwohl in der Zeit viel zerstört wurde, also viele „Welten“ verloschen sind, blicken alle seine Familienmitglieder unbekümmert, beinahe heiter in die Kamera. Scheinbar ahnungslos der Gräuel um sie herum und ahnungslos ob der Gräuel, die die spanische Grippe über sie bringen wird.

In einer melancholischen Nebenhandlung erfährt Aurélie, Matthieus Schwester, was es heißt, sich in jemanden aus einer anderen Welt zu verlieben. Bei Ausgrabungen in Algerien verliebt sie sich in einen Algerier. Die Liebe ist jedoch zum Scheitern verurteilt, da das Paar weder in Algerien noch in Frankreich, sondern nur in der eigenen „Welt“, der Ausgrabungsstätte miteinander leben kann und das nicht für eine dauerhafte Beziehung ausreicht.

Selbstverständlich hat auch der Titel eine Bedeutung. Augustinus erlebte eins den Untergang Roms aus der Ferne mit. Er schrieb darüber einige Predigten, deren Auszüge die Kapitelüberschriften bilden. Für Augustinus bedeutete der Untergang Roms noch lange nicht den Untergang der Welt. Da Gott ewig ist, kann ein einzelner Untergang den Lauf der Welt nicht beenden. Es ist nur ein Beispiel dafür, dass alles auf der Welt vergänglich ist.

Dies ist dann auch der Überbau für Matthieu, der seiner engen Pariser Welt entflieht, um in der eigentlich noch engeren Welt eines korsischen Dorfes sich selbst zu verwirklichen. Was ihn zunächst glücklich macht und ausfüllt, ist auf Dauer eben auch vergänglich. Vordergründig heiter begleitet der Leser eine Scheinwelt auf dem Weg zu ihrem Untergang mit, sodass Matthieu am Ende der Geschichte ironischerweise dort glücklich ist, wo er angefangen hat: in Paris.

Wie eingangs erwähnt liest sich das im Französischen (und vermutlich auch auf Deutsch) sehr komplziert, was durch die vielen Querverweise Ferraris auf philosophische Ideen noch verstärkt wird. Gleichzeitig kann man sich der mal heiteren, mal melancholischen Stimmung des Buches nur schwer entziehen. Das Ende überrascht und wirkt etwas überzogen, die Charaktere bleiben leider manchmal, trotz zahlreicher Reflektionen, etwas blass. Die Darstellung eines immer währenden Niedergangs, der aber gleichzeitig nichts Schlimmes sein muss, da gleichzeitig immer etwas Neues entsteht, fasziniert dennoch.

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