Die Unperfekten (von Tom Rachman)

Die UnperfektenIn Rom wird seit den 50er Jahren „Die Zeitung“ produziert, die auf Englisch die Welt auf dem Laufenden hält. Die Entstehungsgeschichte ist durch ihren exentrischen Verleger sowie die legendäre erste Chefredaktion geprägt. Nun, im Jahr 2007, steckt die Zeitung in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Noch steht hinter ihr der Ott-Konzern mit seinen Milliarden, doch der Jungverleger Oliver Ott ist mit der Führung des Verlages schlicht überfordert. Die Zeitung hat nicht einmal eine Homepage und steuert auf ihr eigenes Verderben zu. In dieser Situation beleuchtet der Roman verschiedene Mitarbeiter im Umfeld der Zeitung von dem bereits genannten Verleger Oliver Ott über die Chefredakteurin Kathleen Solson bis hin zu dem Auslandskorrespondenten in Paris Lloyd Burko.

Tom Rachman unterteilt seinen Roman in elf Kapitel. In jedem Abschnitt kommt ein Mitarbeiter oder Leser der Zeitung vor. Rachman gelingt es jedes Mal auf wenigen Seiten ein beeindruckendes und beklemmendes Bild des jeweiligen Charakters zu zeichnen. Fast jeder Journalist hat eine mehr oder weniger große Marotte, die ihn äußerst sympathisch macht. Gleichzeitig haben sie alle mehr oder weniger starke Probleme, bei denen sie sich meist selbst im Weg stehen. Viele von ihnen sind mit der immer härter werdenden Arbeit bei der Zeitung gar nicht zufrieden, fast alle haben Ehe- oder Beziehungsprobleme.

Dabei liest sich das Buch sehr angenehm, obwohl es zum Ende eines jeden Kapitels meist tieftraurig wird. Denn all die Hoffnungen und Wünsche der Protagonisten zerfallen am Ende zu Staub, die meisten werden von ihrem Partner am Schluss verlassen. Und selbst wenn der ehemalige Nachrufschreiber Arthur Gopal einen rasanten beruflichen Aufstieg hinlegt, steht dahinter der tödliche Unfall seiner Tochter und das Scheitern seiner Ehe daran, das ihn zum Arbeiten treibt. Einzig und allein die ständig gemobbte Schlussredakteurin Ruby Zaga, die sich ständig um ihren Job sorgen muss, erfährt am Ende ihres Kapitels etwas Glück. Aber natürlich hält das angesichts der drohenden Schließung der Zeitung nicht lange an.

In jeder der vielen kleinen Geschichten erlebt man somit ein wenig die Härte des heutigen Journalismus. Interessanterweise können alle Protagonisten damit überraschend gut umgehen. Sie scheitern in der Regel an ihren eigenen Problemen, was auch ein Statement dafür ist, welcher Typ Mensch im Journalismus erfolgreich ist. Am Ende eines jeden Kapitels gibt es einen Rückblick auf die Geschichte der Zeitung. Darin erkennt man, dass auch die Gründung der Zeitung einzig und allein aufgrund einer misslungenen Liebesbeziehung entstanden ist. In diesen kurzen Abschnitten entwickelt sich über den Verlauf des Romans ein ebenfalls tragisches Bild des Zeitungsgründers.

Besonders pikant ist, dass die Schließung der Zeitung alles andere als notwendig gewesen wäre. Hätte sich der junge Verleger selbst beim Vorstand eingesetzt, wäre den Redakteuren vieles erspart geblieben. So sitzt in den Vorstandssitzungen einzig und allein die Buchhalterin Abbey Pinola, um die Zeitung zu vertreten. Da sie auf der Reise nach Amerika von einem von ihr entlassenen Angestellten nach allen Regeln der Kunst gedemütigt wird, scheint es so, als wäre die Schließung der Zeitung ein persönlicher Rachefeldzug. Auf jeden Fall wehrt sie sich nicht aktiv gegen die Schließung. Die Zeitung scheitert letztlich an einem persönlichen Problem, wie die meisten ihrer Mitarbeiter auch.

„Die Unperfekten“ ist mitreißend, voll mit überzeugenden und gelegentlich sympathischen Figuren und dabei oft tief traurig. Das skizziert nicht nur ein glaubwürdiges Bild des aktuellen Journalismus und seiner Krise, sondern ist sehr bewegend und unterhaltsam. Aufgrund des flüssigen Schreibstils verschlingt man diesen gelungenen Roman in wenigen Stunden.

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