Les Misérables

Der Gefangene Jean Valjean hat 19 Jahr als Sklave verbracht, weil er einst einen Laib Brot gestohlen hat. Zu Beginn der Handlung wird er frei gelassen, kann seinem alten Leben jedoch nicht entfliehen. Niemand möchte ihn einstellen, er wird als Aussätziger behandelt. Erst in einer Kirche wird ihm von einem Bischof eine neue Chance gegeben. Valjean bringt es zum Bürgermeister und Chef einer Fabrik. Doch Inspektor Javert, der ihn einst als Gefangenen beaufsichtigte, erkennt seine wahre Identität. Valjean muss fliehen, doch nimmt er sich zuvor noch Corsette, der jungen Tochter seiner verstorbenen Arbeiterin Fantine an. Gemeinsam leben sie in der ständigen Furcht vor Inspektor Javert in Paris. Die Liebe Corsettes zu dem Studenten Marius, bringt Valjean auf die Barrikaden des Juni-Aufstandes 1832. Dort tritt er auch Javert wieder gegenüber.

Die aktuelle Verfilmung des Roman Victor Hugos (der auf Deutsch den Titel „Die Elenden“ trägt) basiert auf der Musical-Adaption des Romanes. Angesichts vieler früherer Verfilmungen stellt sich zurecht die Frage, ob eine Verfilmung des Musicals nötig war. Die Antwort ist einfach: Das Musical ist erfolgreich, somit gibt es eine interessierte Kundschaft an einer Film-Version. Denn so hat nun die breite Masse die Möglichkeit, in den Genuss der gelungenen Lieder zu kommen, ohne dafür teure Musical-Preise bezahlen zu müssen.

Tatsächlich krankt der Film aber vor allem an der Schwierigkeit, ein Musical auf die große Kino-Leinwand zu bringen. Auf einer Bühne erkennt man sofort die Distanz zu der Handlung, merkt dass alles gespielt ist. Dort funktioniert die Kunstform Musical prächtig. Im Film wirkt die Handlung viel realer, schließlich spielen die Schauspieler vor real wirkenden Kulissen. Hier wirkt es äußerst merkwürdig, wenn Valjean auf den Barrikaden mit einem Gewehr in der Hand mehrere Minuten lang zu Gott singt, er möge Marius doch bitte verschonen. Das wirkt surreal.

Außerdem ist die Kamera viel näher an den Schauspielern als dass Auge des Zuschauers während einer Live-Aufführung. Dementsprechen konnte der Regisseur bei der Besetzung der Rollen nicht ausschließlich auf die Stimme achten. Stattdessen muss es sich bei den Darstellern um richtige und vor allem gute Schauspieler handeln. Leider merkt man das bei vielen Liedern. Gerade in den hohen Tönen will kaum Atmosphäre aufkommen, zudem wirken viele Lieder kraftlos. Gerade an emotionalen Stellen kann das fatale Folgen haben.

Zuletzt wirkt die Szenerie häufig überanimiert. Das gefällt sicherlich vielen. In meinen Augen ist es eine Krankheit des digitalen Kinos, dass man zu deutlich sieht, dass kaum etwas echt ist. Sicherlich, einige Stellen wurden tatsächlich in Paris gedreht. Aber vor allem in der Szene, in der sich Javert kurz vor Ende des Films umbringt, merkt man, dass vom Himmel kaum etwas echt sein kann, geschweige denn von der Seine. Das sorgt zwar immerhin ein wenig dafür, dass man wieder das Gefühl hat, lediglich eine Bühne zu betrachten. Es hätte trotzdem besser gemacht werden können.

Abgesehen von diesen drei Punkten (der Frage, warum die Menschen singen, den gelegentlich schwachen Stimmen und der Überanimation) ist der Film aber sehr beeindruckend. Er trumpft mit der epischen Handlung der Geschichte auf und natürlich mit den gelungenen Liedern des Musicals.

Denn natürlich fiebert man mit, wenn Javert auf einem Pferd Valjean und die junge Corsette auf der großen Leinwand durch einen Kreuzgang in Paris verfolgt. Genau so erzeugen die Szenen auf den Barrikaden Gänsehaut. Und gelegentlich gelingt es den Schauspielern auch die Lieder so gut zu singen, dass man von den Emotionen mitgerissen wird.

Der stärkste Punkt des Films sind aber sicherlich die guten Songs und deren Texte. Wie erwähnt gelingt nicht jedes Lied. Aber einige Highlights wie „I Dreamed a Dream“, „One Day More“ oder „Do You Hear The People Sing?“ überzeugen auch in der Filmversion. Überzeugend wirkt auch, dass die Lieder während der Aufnahmen wohl live gesungen worden. Dadurch hat man nicht das Gefühl, hier nur einer synchronisierten Version beizuwohnen. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Lieder auch in der deutschen Version nicht synchronisiert sind. Lediglich die Zwischensequenzen, die höchsten 10% der Worte einnehmen, werden auf Deutsch ausgestrahlt. Daher ist es empfehlenswert, in eine Originalaufführung mit deutschen Untertitel zu gehen. Denn die deutschen Zwischensequenzen dürften im besten Fall verwirren, im schlimmsten die Atmosphäre zerstören.

Alles in allem ist „Les Misérables“ sicherlich keine perfekte Verfilmung. Aber wer Musicals mag und die Lieder und Texte aus „Les Misérables“ wird von dieser schauspilerisch starken Verfilmung sicherlich gut unterhalten.

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