Comprendre la géopolitique (von Frédéric Encel)

Die Geopolitik verständlich machen, ist der Ansatz von Fréderic Encel mit diesem kleinen, etwas mehr als 200-Seiten starken Büchlein. Die Geopolitik verbindet geographische und politische Gegebenheiten. In Deutschland ist dieser Untersuchungsansatz seit dem zweiten Weltkrieg kaum vertreten, zu sehr haben die Nationalsozialisten Politik und Geographie (Lebensraum) miteinander verknüpft. In Frankreich ist dieser Ansatz jedoch durchaus gebräuchlich. Encel versucht diesen nun einem breiten Publikum näher zu bringen.

Sein Französisch ist dabei für Sprachenlerner auf B2-Level mit politischen Vorkenntnissen durchaus verständlich. Alle Kapitel sind mit vielen Beispielen versehen, die jedoch nicht immer ganz ausgearbeitet werden. So verweist Encel regelmäßig auf die Situation in einer bestimmten Region oder einem Land, um eine These verständlich zu machen. Um die Geopolitik nach Encel zu verstehen,  muss man also eine solide Kenntnisse vom Weltgeschehen haben, da man ansonsten seine Erklärung vermutlich nicht versteht.

Etwas pamphletisch, aber durchaus unterhaltsam, beginnt Encel damit allgemein bekannte Grundsätze auseinanderzunehmen. Dabei beginnt er damit, dass keine Situation „seit immer“ herrscht und somit wohl auch kein Konflikt „für immer“ ausgetragen werde und dekonstruiert am Ende die These von „großen“ Nationen, Kulturen und Geschichten. Dieser Ansatz ist wie erwähnt ein wenig populistisch, sorgt aber für einen guten Einstieg und fördert zudem die Bereitschaft des Lesers, sich auf Neues einzulassen, da er zuvor bereits von einigen Gewissheiten Abschied nehmen musste.

Der spannendste Teil des Buch schließt sich dieser Einführung an. Hier skizziert Encel die Geschichte der Geopolitik von ihrer ersten Erwähnung durch den Schweden Kjellén bis in die heutige Zeit. Dabei unterscheidet er in drei klassische Schulen, die deutsche (landorientiert), britische (wasserorientierte) und französische (die die anderen beiden kritisiert). Zuletzt hebt er von den neueren Ansätzen den französischen von Yves Lacoste hervor.

Nach diesem etwas theoretischen, aber hochinteressanten Überblick, arbeitet Encel verschiedene geographische Faktoren ab, die bei der Analyse der Geopolitik in Betracht gezogen werden sollten. Das beginnt relativ naheliegend bei „Grenzen“ (Frontières), dem sich gleich danach aber bereits das nicht geographische Konzept der „Souveränität“ anschließt, das ebenfalls unter geopolitischen Gesichtspunkten analysiert werden kann und zum Beispiel das Konzept des Imperiums (logique d’empire) hervorgebracht hat. In diesem großen Abschnitt finden sich die von mir bereits erwähnten Beispiele, die die Lektüre sehr praktisch wirken lassen. Nach der „Macht“ (puissance) und den Kräfteverhältnissen („rapports de forces“) wendet sich Encel kurz vor dem Ende noch einem sehr spannenden Thema zu: Inwiefern hebt das Internet geographische Gegebenheiten auf und inwiefern ist die öffentliche Meinung mit geographischen Gegebenheiten verwoben. Leider merkt man zu häufig, dass Encel dieses Thema zwar erwähnt, es aber für nicht wirklich wichtig hält (dem Internet sind gerade einmal fünf Seiten zugestanden worden, in denen aber immerhin Wikileaks erwähnt wird).

Den Abschluss bildet ein sehr wirres Kapitel, dass mit der Überschrift „Über den Krieg nachdenken (, um ihn besser zu verstehen)“ (Penser la guerre (pour mieux la comprendre)) versehen ist, aber dies nicht wirklich tut. Zwei Kriegsgründe werden abgearbeitet (Fanatismus, sowie die nukleare Bewaffnung von Schurkenstaaten). Danach geht es jedoch eher darum, wie effektiv die UNO bei der Kreigsverhinderung ist, über die Ursachen wird wenig nachgedacht. Immerhin kommt Encel zu einem starken Schlusstatement: Wenn man sich der geopolitischen Gegebenheiten bewusst ist, diese nicht dogmatisch als gegeben ansieht, aber mit einem gewissen Realismus analysiert, könnten einige Konflikte ihrer Schärfe beraubt werden. Encel sieht in der Geopolitik also keine absolut deterministischen Vorgänge. Er plädiert aber dafür, die Analyse zum Entschärfen von Konflikten moderat anzuwenden. Da man dem Großteil seiner Ausführungen (wie zum Beispiel dem Einfluss von Grenzen auf das Verhalten eines Staates) durchaus zustimmen kann, ist die Lektüre lesenswert.

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