Der Stalker (ARD-Radiotatort)

Aufregung in dem (fiktiven) bayerischen Städtchen Bruck. Erst wurde der Kiosk und damit Treffpunkt der Kleinstadt überfallen, nun werden dem Geschäftsmann Horst Lambert Drohbriefe übermittelt. Für die meisten Einwohner ist klar, dass das neue Roma-Lager vor der Stadt für die Verbrechen verantwortlich ist. Lambert hingegen verdächtigt in seiner Panik den örtlichen Filmvorführer, mit dem es einen Zwischenfall um dessen Auto gab. Polizeiobermeister Rudi Egger nimmt die Sache nicht ganz Ernst, doch dann steht Lamberts Wagen in Flammen.

Dem bayerischen Radiotatort gelingt es ausgesprochen gut, Kleinstadtatmosphäere zu erzeugen. Jeder kennt jeden. Benötigt die Polzei Informationen fragt sie zunächst die Kioskbesitzerin, die über alle etwas weiß. Gleichzeitig ist die Kleinstadt jedoch auch ein guter Nährboden für Ressentiments. Das Roma-Lager vor der Stadt, gegen das die Kommune erst einmal nichts tun kann, sorgt für große Verunsicherung. Alles was schief geht, von dem Diebstahl einiger Bierflaschen bis zu Drohbriefen, alles wird den Roma in die Schuhe geschoben. Dass es dabei fast nie ein stichhaltiges Motiv gibt, interessiert keinen. Im Krimi wird stichhaltig zusammengefasst: Da die Stadt ausschließlich aus Heiligen besteht, können es ja nur die Roma sein. Das führt dazu, dass letztlich eine Bürgerversammlung bayerischen Rechtsradikalen eine Plattform bietet und die Stadt, obwohl sich die Roma letztlich als völlig unschuldig herausstellen, das Lager schließen lässt. Dieser Handlungsstrang inklusive seine Atmosphäre ist sehr gelungen.

Etwas gemächlich wirkt hingegen die Haupthandlung. Lambert ist geradezu irrational panisch. Das macht ihn von Beginn an etwas verdächtig, zumal der Filmvorführer nicht nur die Polizisten, sondern auch den Höhrer von seiner Unschuld überzeugen kann. Das Drama nimmt aber seinen Lauf, nach dem brennenden Wagen, erschießt der Filmvorführer Lambrechts Frau und wird danach von Lambrecht erschossen.

Das geschieht bereits recht früh, sodass klar ist, dass der Fall damit noch nicht zu Ende ist. Als Lambrechts Geliebte auftaucht und die Polizei erfährt, dass das Geld der Familie Lambrecht bei seiner Frau lagerte, weiß der Hörer, wie es weitergeht. Der Fall insgesamt wirkt arg konstruiert und ist zudem nicht übermäßig spannend. Unter dem Titel „Der Stalker“ hätte man da eine weitaus thrillerähnlichere Handlung inszenieren können.

Stärker sind hingegen die Reibereien mit der Kripo. Die erweist sich mehrfach als nicht besonders handlungsfähig, da sie die Ortschaft nicht so gut kennt, wie die Beamten Egger und Pollinger. Gleichzeitig hat die Kripo die Neigung ebenfalls zunächst die Roma zu verdächtigen. Auf eigenständige Ermittlungen der örtlichen Polizei reagiert sie jedoch äußerst alergisch und droht mit Konsequenzen.

Trotzdem ermitteln Egger und Pollinger in ihrer Freizeit immer ein wenig weiter und können der Kripo letztlich den entscheidenden Hinweis geben. Die Kompetenzstreitigkeiten würzen die schwächelnde Haupthandlung ein wenig und sorgen für ein sehr gelungenes Finale. Da beschwert sich nämlich die Kioskbesitzerin, dass der Diebstahl ihrer Bierflaschen noch immer nicht aufgeklärt ist. Sie fragt sich, was die Polizei in Bruck eigentlich den ganzen Tag tut. Nachdem Egger und Polling ihre Karriere dafür riskiert haben, die Wahrheit ans Licht zu brignen, ist das ein sehr nachdenkliches aber auch amüsantes Ende.

„Der Stalker“ ist kein Thriller. Einen wirklichen Stalker gibt es auch nicht. Stattdessen erlebt man eine äußerst gelungene Kleinstadtatmosphäre inklusive Ressentiments und eine arg konstruierte Intrige mit Toten als Haupthandlung, die durch interessante Kompetenzstreitigkeiten zwischen örtlicher Polizei und Kripo gewürzt wird. Das ist nicht immer besonders spannend, aber durch die Atmosphäre dennoch gut anzuhören.

Die aktuelle Episode des Radiotatorts lässt sich auf der Homepage der Serie herunterladen.

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