Baginsky (ARD-Radiotatort)

Der August-Radiotatort kehrt in die Stadt Hamm zurück. Die dortige Kriminalpolizei besteht fast ausschließlich aus strafversetzten Beamten. Der einzige „Eingeborene“ ist lediglich in der Stadt, weil es für kein anderes Revier gereicht hat. Die Stimmung im Büro ist daher alles andere als gut, alle wissen: Ein weiterer Fehler kann rasch den vorzeitigen Ruhestand auslösen. In dieser Situation ist es natürlich höchst unglücklich, dass einer der Beamten vor seinem Urlaub vergisst, einen Mordfall an die anderen weiterzuleiten. Nach drei höchst erholsamen Wochen in Thailand stürzt dies das ganze Revier ins Chaos. Plötzlich hat jeder Polizist Existenzängste und es hilft nicht gerade, dass jeder Verdächtige erst einmal fragt, warum die Polizei nicht bereits drei Wochen früher angeklopft hat. Zu allem Überfluss taucht auch noch ein ambitionierter Lokaljournalist auf, der bereits seit langem ahnt, dass Hamm von der Polizei als Abschiebeplatz für ungeliebte Beamte genutzt wird.

Das Revier Hamm ist ohne Frage etwas übertrieben. Jeder Polizist ist entweder unfähig oder hat ein Problem wie Alkoholsucht. Von strategischen Ermittlungen kann hier nicht ausgegangen werden. Stattdessen stochert man halt im Wespennest bis entweder zu viele Wespen herauskommen oder man den Schuldigen findet. Für den Zuhörer war das in der vorherigen Episode aus Hamm etwas übertrieben.

In „Baginsky“ wirkt die Reviersituation hingegen deutlich sympathischer. Das liegt vor allem daran, dass das Mordopfer zunächst übertrieben negativ dargestellt wird. Der erste Besuch bei der Frau des Opfers, die sich drei Wochen lang nicht bei den Behörden gemeldet hat, löst sofort eine Feier aus. Es stellt sich heraus, dass das Opfer nirgendwo besonders gut gelitten war. Immerhin bietet das einigen Offizieren des Reviers die Möglichkeit zu erklären, dass sie immer daran interessiert sind, die Wahrheit ans Licht zu bringen und Kriminelle zu überführen. Das wirkt etwas idealistisch, zeigt aber, dass es sich nicht nur um dienstvergessene Gestalten im Revier von Hamm handelt, sondern eher um an sich und ihrem Anspruch gescheiterten Beamten.

Der Verlauf der Ermittlungen ist für einige Überraschungen gut. So erfahren die Ermittler, dass Baginsky gleich zwei Personenkreise jeden Monat mit heiklen Informationen erpresste. Dabei schien er in erster Linie gar nicht an dem Geld, sondern an der Demütigung seiner Opfer interessiert gewesen zu sein. Das sorgt natürlich für einen großen Kreis möglicher Täter. Dabei sind die einzelnen Geschichten einmal amüsant und einmal tragisch. Beides sorgt für einen unterhaltsamen Krimi.

Die größte Stärke des Falles ist aber, dass die Polizisten alle am Rande des Nervenzusammenbruchs agieren. Sie sehen sich nicht nur in den vorzeitigen Ruhestand oder an einen noch schlimmeren Ort versetzt, sondern gehen dabei langsam auch aufeinander los. Es zeigt sich, dass der Zusammenhalt im Team nur so lange aufrecht gehalten werden kann, wie keiner Fehler macht. Solidarität ist in dieser Gruppe erst einmal ein Fremdwort. So zeigt der Krimi nicht nur die erbarmungslose Recherche des Lokaljournalisten, der sich nach einem Skandal zu sehnen scheint, sondern auch wie die einzelnen Beamten sich bereits alternative Berufspläne zurecht legen. Auch das ist sehr angenehm anzuhören.

Letztlich tun die Beamten nicht besonders viel, um den Fall zu lösen. Stattdessen stolpern sie zufällig über den Täter. Auf diesem Weg werden ihnen einige andere Verbrechen enthüllt, sodass zum Schluss drei Fälle geklärt werden. Auf einmal wird von der „Elitetruppe“ in Hamm geredet, was natürlich für ein wenig Schmunzeln sorgt. Das ändert aber nichts daran, dass der sehr amüsante und interessante Fall unterm Strich hauptsächlich aus Zufällen besteht. Das ist aber auch der einzige negative Punkt an dem August-Krimi des ARD-Radiotatorts. Denn trotz aller Zufälle weiß der Krimi durch seine panischen Protagonisten sehr gut zu unterhalten.

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