Wir küssen Amok (von Rosenstolz)

Der siebte Titel auf der aktuellen Rosenstolz-Platte ist zunächst ein semantisches Wunder. Wie soll man denn Amok küssen? Bei Amok denkt man schließlich automatisch an Amokläufe, bei denen ein gestörter Mensche viele andere Menschen in den Tod reißt und sich in der Regel danach selbst tötet. Wikipedia stellt dazu fest, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „in blinder Wut angreifen und töten“ ist. Dennoch seien damit lediglich psychische Extremsituationen mit mehr oder minder starker Unzurechnungsfähigkeit und starker Gewaltbereitschaft gemeint.

Musikalisch reiht sich „Wir küssen Amok“ in den Stil seiner beiden Vorgänger ein: Es gibt nichts Überraschendes. Das Lied plätschert vor sich hin, lediglich der Einsatz des Basses in der zweiten Strophe stört die Gefälligkeit.

„Wir küssen Amok“ könnte eine friedliche Alternative zum Amoklauf sein. Anstatt dass man in einer verzweifelten Situation gewalttätig Menschen tötet, rettet man sich in eine Beziehung. Das klingt schräg, wird vom Text so nicht gestützt. Stattdessen scheint mit dem Amok eher die Gefühle der betroffenen Personen gemeint zu sein. Sie sind so heftig, dass man sich in einer psychischen Extremsituation befindet und nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Die Gewaltbereitschaft ist dadurch nicht direkt gegeben. Doch die Gefühle sind so heftig, so gewaltig, dass hinter dem ganzen ein ordentliches Maß an „Gewalt“ steckt.

Die beiden Strophen bieten relativ wenig Inhalt. Deutlich wird nur, dass man aufeinander nicht verzichten kann und vor einer großen Herausforderung steckt. Anstatt davor die Augen zu verschließen, bleibt man wach und rückt näher zueinander. Trotz des Gegenwinds, den beide Partner verspüren, tut die Krise ziemlich gut, da mit der Angst auch der Mut wachse. Das ist ein hoffnungsvoller Ausblick in einem kritischen Moment.

Der Refrain liefert die Begründung, warum die Krise gemeinsam überstanden werden kann: Du machst mich an/ Und was ich kann / Ist nichts dafür / Nichts dagegen. Man ist so zueinander hingezogen, dass gar nichts anderes übrig bleibt, als zusammenzubleiben und das Problem zu lösen. Nach einer weiteren Betonung, dass es nun einmal nicht anderes geht, kommen die titelgebenden Zeilen: Wir küssen Amok / Im schönsten Regen. Das deutet tatsächlich darauf hin, dass mit dem „Wir küssen Amok“ der heftige Ausbruch von Gefühlen gemeint ist, was sich sowohl in einem (negativen) Streit als auch in einem (positiven aber bewegenden) Problemlösungsprozess äußern kann. Beide Varianten laufen in einem Umfeld ab, das ein Scheitern, also eine Trennung, aufgrund noch immer stark vorhandener Anziehungskräfte ausschließt.

Nachdem das Lied also beschreibt, wie eine Krise in einer Beziehung, die nicht scheitern kann/darf, angegangen wird, endet es sehr versöhnlich. Denn nachdem zuvor betont wird, dass man sich gar nicht wehren könne, heißt es zum Schluss: Will mich nicht wehrn / Mich nicht beschwern / Wir küssen Amok / Im Schönsten Regen. Zuletzt setzt sich somit die Erkenntnis durch, dass man der emotionalen Extremsituation nicht nur nicht entgehen kann, sondern dass dies auch gar nicht ratsam wäre. Denn nach so einer extremen Phase wird das Verhältnis stärker sein als zuvor.

Diese schöne, nachdenkliche und ind er Realität nur schwer zu akzeptierende Botschaft, die man – wie so viele Lieder des Albums – auch unter dem Gesichtspunkt der Burn-Out-Erfahrungen des Sängers Peter Plates betrachten könnte, wird leider durch die Musik nicht unterstützt. Das Lied wirkt unaufgeregt, die extremen Gefühle die vom Text angesprochen werden, wirken nicht. So klafft eine enorme Lücke zwischen dem theoretischen Inhalt des Textes und dem, was das Lied transportiert. Das ist schade.

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