Schilf

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„Schilf“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Julie Zeh. Diesen Roman habe ich vor drei Jahren gelesen. Er ist eines der wenigen Bücher, das ich nicht auf diesem Blog rezensiert habe. Ich habe den Text damals zu schnell gelesen, das Ende konnte ich mir nicht ganz erschließen. Eine Rezension war damit nicht möglich. Die grundlegende Handlung ist mir jedoch noch gut im Sinn. Vor allem die Darstellung des todkranken, schrulligen, aber genialen Kommissar Schilf gefiel mir sehr gut. Dieser Film ändert leider viel an dem Grundkonzept des Buches. Das ist nicht gut.

Sebastian und Oskar sind zwei geniale Physiker und seit Ewigkeiten befreundet. Während Oskar ganz für die experimentelle Physik lebt, hängt Sebastian der eher abwegigen „Viele Welten“-Theorie in der theoretischen Physik an. Sebastian hat zudem eine Familie. Aufgrund ihrer unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte streiten sich die beiden Physiker in letzter Zeit häufig. Auf dem Weg ins Pfadfinderlager wird Sebastians Sohn entführt. Als Forderung versteht Sebastian nur: Dabbeling muss weg. Dabbeling ist ein Arzt in der Stadt, der gerade in einen Medizinerskandal verwickelt ist und von dem Sebastian zudem glaubt, dass er ein Verhältnis mit seiner Frau hat. Um seinen Sohn zurückzubekommen, bringt Sebastian Dabbeling um.

In dem Roman wurde dies mit einer Reihe von interessanten Themen verbunden. Ist ein perfekter Mord möglich, wie geht Sebastian mit seiner Schuld um und dazu kam der interessante Kommissar. Schilf hat in dem Film kaum Auftritte. Lange Zeit wirkt er eher wie ein Fantasiekonstrukt Sebastians. Der Film beschäftigt sich zudem nur am Rande mit der Schuldfrage und eigentlich gar nicht mit der Planung des Mordes.

Stattdessen scheint es so, als drehe Sebastian langsam aber sicher durch. Das wäre nicht unberechtigt, nachdem er einen Mann umgebracht hat. Der Film möchte dem Zuschauer gegen Ende jedoch ans Herz legen, dass die „Viele Welten“-Theorie tatsächlich stimmt. Schilf ist hier lediglich Oskar, der aus der Zukunft zurückgekommen ist. Denn in Wahrheit hat Oskar die Entführung eingefädelt, um Sebastian von seiner Theorie abzubringen. Da Schilf aber im ganzen Film nur von Sebastian gesehen wird, kann es sich auch um eine reine Wahnvorstellung handeln. Andererseits bringt Sebastian Dabbeling um und später im Film ist dieser wieder lebendig. Das würde für die „Viele Welten“-Theorie sprechen. Gleichzeitig wäre das für die Verfilmung von Julie Zehs Roman etwas zu abgedreht.

Das ist blöd. Denn die Ermittlungsarbeit des Kommissar Schilf hat einen Großteil des Romans getragen. Die beiden elitären und trotzdem erschreckend wenig rationalen Physiker waren auf Dauer kaum zu ertragen. So ist es auch in dem Film. Die Handlungsweise Sebastians ist unverständlich, aber für einen Wahnsinnigen noch nicht durchgedreht genug. Emotionen werden in dem Film immer nur angedeutet, vor allem Oskar bleibt zu kalt.

„Schilf“ verändert einen ordentlichen Roman und streicht ausgerechnet die besten Stellen heraus. Die Veränderungen bringen keine positiven Wendungen. Stattdessen ist der Zuschauer zwischen Science-Fiction-Ansätzen und möglichen Wahnvorstellungen gefangen. Das ist unnötig und lenkt von der im Roman gut thematisierten Schuldfrage ab. „Schilf“ ist somit eine Romanverfilmung, die nicht nötig ist.

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