Zu viel Lob für einen Schweigenden

Zum ersten Mal seit langem habe ich gestern wieder eine Talkrunde im Fernsehen verfolgt. „Günther Jauch“ mit seinem Sonntagabendsendeplatz ist eine der quotenstärksten Sendungen. Doch das, was dort geboten wurd, ist erschreckend. Das Thema – vermutlich in Ermangelung anderer Ereignisse – war zum wiederholten Male Christian Wulff. Die Runde war eigentlich geschickt besetzt. Zwei Männer (CDUler, CSUlerin-Gatte) unterstützten Wulff, während drei Frauen (Ex-SPD-Ministerpräsidentin, Ex-SPD-Ministerpräsidentengattin und CDU-Beraterin) Wulff angriffen. Schnell wurde jedoch deutlich, dass es in der Runde nicht um eine Sachfrage geht. Permanent wurde emotional debattiert, viele Argumente wirkten nicht ganz zu Ende gedacht.

Das nutzte CDU-Mann Peter Hintze, um ständig das Wort zu ergreifen und Wulff von allen Fehlern frei zu sprechen. Dabei wurde er seltenst in der Sache angegriffen. Stattdessen wurde ihm immer beigepflichtet und dann auf die moralische Seite der Affäre verwiesen. Dieser Redestil machte es Hintze natürlich leicht, Wulff tatsächlich als völlig unschuldig aussehen zu lassen.

Gerade durch Hintzes radikale und beinahe fanatische Verteidigungsstrategie, die alles abstritt, den Medien die Schuld gab und Wulff zu einem außerordentlich guten Bundespräsidenten erklärte, wurde jedoch klar, dass Wulff das Amt beschädigt. Denn auch wenn Hintze engagiert redete, stellte sich die Frage, warum kein bekannterer CDU-Politiker das Wort ergriff. Der Hinweis, alle hätten Angst vor den bösen Medien, war sehr schwach. Außerdem blieb bei jedem Entkräften Hintzes ein schaler Nachgeschmack. Dreht das jetzt ein CDU-Mann einfach so lange, mit der immer gleichen Wiederholung des Wortes „Rechtsstaat“ um, bis alle ihm glauben?

Hintze betonte, dass Wulff in der Affäre alles gut erklärt. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Wenn die Runde gestern, in der nicht diskutiert, sondern meistens Hintze zugehört wurde, irgendetwas deutlich wurde, dann dass es wieder Christian Wulff im Fernsehen braucht. Das unangenehme Schweigen richtet mehr Schaden denn Nutzen an. Ein reines Aussitzen wird Wulff vielleicht das Amt retten, aber ihn beschädigter lassen, als es für einen Bundespräsidenten gut ist. Etwas Positives kann man jedoch über Wulff sagen: Er hält Kritik wenigstens aus. Sein Amtsvorgänger verließ das Schloss Bellevue, weil er meinte, sein Amt dürfe nicht kritisiert werden. Das ist, wie nun deutlich wird, ein großer Irrtum.

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