Menschlich ist…

Jill Herricks leidet, ihr Mann ist ein kalter und gefühlsloser Wissenschaftler. Die beiden leben in einer sehr rationalen Welt, in der die Regierung ab einem gewissen Alter die Erziehung der Kinder übernimmt und in der Gefühle lediglich eine sekundäre Rolle spielen. Jill hat fest vor, sich von ihrem Mann zu trennen als dieser zu einer Reise nach Rexov IV aufbricht. Doch Lexter Herricks ist bei seiner Rückkehr ganz verwandelt. Er zeigt Gefühle, kocht und kümmert sich um Jill. Ihr Bruder erkennt sofort, dass Lester von den Bewohnern Rexov IVs übernommen wurde. Die wissen über die Menschen lediglich das, was sie aus alten Romanen aufsaugen konnten. Deswegen verhalten sie sich etwas „antiquiert“. Jill muss den Wandel ihres Mannes nur bestätigen, dann wird der Geist des Rexovers vernichtet und Lester kehrt zurück. Doch Lilith weigert sich im entscheidenden Moment, auszusagen, denn sie hat lieber einen gefühlvollen außerirdischen im Körper ihres Mannes als ihren Gatten.

Der Titel der Kurzgeschichte sagt bereits viel über den Inhalt aus. Die Menschheit hat sich „weiterentwickelt“. Sie ist deutlich rationaler geworden, Gefühle spielen nur noch eine sekundäre Rolle. Daher hat der Leser das Gefühl, bei dem außerirdischen Geist handelt es sich eigentlich um einen Menschen. Zumindest sind in diesem Charakter ideale menschliche Eigenschaften wie Güte, Lebensfreude und Rücksichtsnahme dargestellt.

Denn natürlich ist die hier dargestellte Mehrheitsmeinung mindestens genau so menschlich. Die Geschichte hat gezeigt, dass viel „unmenschliches“ mit erschreckender Regelmäßigkeit von Menschen begangen werden kann. Insofern wäre es zu leicht zu sagen, dass hier eine unmenschliche Gesellschaft mit den menschlichen Eigenschaften eines Außerirdischen konfrontiert wird.

Zuletzt ist auch Jill Herricks nicht über alle Zweifel erhaben. Ihre Situation wird dabei jedoch nicht als ein Dilemma entschieden. Denn eine Lebewesen hätte sie ohnehin töten müssen. Sie verurteilt ihren eigenen Gatten zum Tode und nimmt mit dem freundlicheren Außerirdischen im Körper ihres Mannes vorlieb. Sie entscheidet sich für die vorübergehend angenehmere Alternative, moralische Zweifel scheint sie nicht zu haben.

Dick zeigt also auf wenigen Seiten wie viele Eigenschaften „menschlich“ sein können. Da er Herricks Entscheidung in keiner Weise kritisiert, zeigt er, dass Freundlichkeit die vielleicht wichtigste und belohnenswerte Eigenschaft ist. Und wenn sie vorhanden ist, ist es eigentlich auch egal, dass die freundliche Person gar kein Mensch ist.

„Menschlich ist…“, 18 Seiten, 1954, erschienen in der Zweitausendeins Anthologie „Variante Zwei“.

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