Von verdorrten Äpfeln

Lori wird von einem Blatt nach draußen gelockt. Ihr Mann findet es zwar nicht gut, dass sie spät noch das Haus verlässt, doch sie kann ihn überreden. Sie macht sich auf den Weg zu einem verdorrten Wald. Dort unterhält sie sich mit einem sterbenden Ampfelbaum, der ihr offensichtlich Angst macht. Sie eröffnet dem Baum, dass sie nicht wiederkommen wird, da ihr Mann die Besuche nicht gutheißt. Der Baum wirft ihr einen kleinen Apfel hinterher, den sie mitnimmt und auf dem Rückweg verzehrt. In der Nacht erwacht sie mit großen Schmerzen, ihr Blinddarm platzt, Lori stirbt. Ihr Mann und ihr Vater besuchen sieben Monate später ihr Grab und stellen fest, dass bereits ein kleiner Apfelbaum dort gewachsen ist, der blutrote Äpfel trägt.

„Von verdorrten Äpfeln“ ist eine äußerst kurze Geschichte, die eine merkwürdige Handlung erzählt. Irgendetwas hat dafür gesorgt, dass ein Landstrich, auf dem früher eine Farm stand, verdorrte. Lori scheint den Ort regelmäßig besucht zu haben, ein Blatt reicht aus, um sie dorthin zu rufen. Die Unterhaltung mit dem Baum ist völlig unrealistisch. Zusammen mit den Schilderungen der verschneiten Landschaft, baut diese Konversation jedoch viel Atmosphäre auf. Loris Angst vor dem Baum ist auf den wenigen Seiten deutlich spürbar.

Unklar ist aber, was die Kurzgeschichte ausdrücken möchte. Offensichtlich werden hier Geschlechterrollen reproduziert. Während Lori ein Verhältnis zur Natur aufbauen kann, beschäftigen sich ihr Vater und ihr Ehemann ausschließlich mit Rechnungen, Geschäften und Gewinnen. Außerdem haben die beiden Herren eine Art Weisungsbefugnis über Lori. Ihr ausgesprochenes Verbot sorgt dafür, dass der Baum Lori bestraft. Insofern tragen die beiden eine Mitschuld an Loris Tod. Die Handlung um den Baum wird dadurch jedoch nicht verständlicher.

Der Apfelbaum ist umgeben von toten Bäumen. Lori hat Angst, dass der Apfelbaum ebenfalls bald sterben wird. In der Gegend gibt es zudem noch einen ausgetrockneten Fluss und eine verlassen Farm, auf der nichts mehr wächst. Das alles deutet darauf hin, dass schwerwiegende Veränderungen stattgefunden haben. Vermutlich hat der Mensch die Natur in der Gegend verändert, was ihr nicht gut bekommen ist. Das agressive Verhalten des Baumes könnte somit auch eine Art Rache an den Verletzungen sein, die ihm von den Menschen zugefügt wurde. Dagegen spricht jedoch, dass die Rache die Falsche trifft. Denn Lori hat offensichtlich soviel Sympathie mit der Natur, dass sie sie noch nicht vergessen hat.

Letztendlich könnte die Blinddarmkatastrophe zum Schluss aber auch eine „natürliche“ Ursache haben. 1953 stellten Blinddarmentzündungen oder gar ein Platzen des Blinddarms durchaus ernstzunehmende medizinische Probleme dar. Lori und ihr Mann leben in einer Einöde, in der der Arzt lange braucht, bis er das Haus erreicht. Daher kann es auch sein, dass die vorherigen Ereignisse während des Spaziergangs sich in Loris Wahnvorstellungen abgespielt haben. Dem wiederspricht lediglich der Apfelbaum, der aus Loris Leiche heruaswächst und blutrote Äpfel trägt. Ein Apfelkern im Blinddarm könnte also durchaus der Auslöser für Loris Tod gewesen sein.

Insofern muss man „Von verdorrten Äpfeln“ wohl als fantastische Geschichte klassifizieren, was für Dick eher ein Normalfall als eine Seltenheit wäre. Da der Baum nie selbst spricht, sondern sich hauptsächlich mit Gesten verständigt, ist die Versuchung jedoch groß, die Ereignisse andersweitig zu erklären. Das gelingt jedoch nicht. Leider fehlt der Geschichte eine Botschaft abseits der eigentlichen, etwas makabren Handlung. Da hätte man einen der beiden oben erwähnten Aspekte (Natur, Geschlechterverhältnis) noch weiter ausbauen müssen.

„Von verdorrten Äpfeln“, 11 Seiten, 1953, erschienen in der Zweitausendeins Anthologie „Variante Zwei“.

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