Der unbekannte Wähler (von Evelyn Bytzek und Sigrid Roßteutscher (Hg.))

Zeitungen und ihre Leser scheinen viel über „den“ Wähler zu wissen. Die Jugend sei zur Zeit ganz besonders politikverdrossen. Der Politik läuft somit auch der Nachwuchs davon. Und die Zeit der Volksparteien sei sowieso vorbei. Der Sammelband „Der unbekannte Wähler – Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen“  nimmt sich daher dreizehn dieser Mythen und vermeindlichen Fakten vor und widerlegt sie in überraschend vielen Fällen.

Die Mythen werden alle durch Zahlen widerlegt. So wird bei der Frage, ob Ideologie bei den heutigen Wählern keine Rolle spielt, erst einmal abgefragt, welche Ideologie die Wähler eigentlich haben. Dann werden die Befragten gebeten, die Parteien ideologisch zu verorten und zum Schluss wird geguckt, ob eine ideologische Wahlentscheidung vorlag. Der überraschende Wert: Noch immer Wählen die meisten Bürger die Partei, die ihrer eigenen ideologischen Positionierung entgegen kommt.

So oder so ähnlich wird bei allen Mythen vorgegangen. Das ist vor allem deswegen spannend, weil dadurch meist Ergebnisse zustande kommen, die der vorherrschenden Medienmeinung diametral gegenüber stehen.

Dennoch gibt es zwei negative Punkte. Die einzelnen Beiträge verstehen sich bewusst als Medienkritik. Daher werden in jeder Einleitung und in jedem Fazit zuhauf Zeitungsartikel zitiert. Viele davon hätte man sich sparen können, das einleitende Zitat genügt meist. Erstens ist die Zeitungszitiertmethode äußerst umständlich, es werden immer Autor, Zeitung und das Erscheinungsdatum genannt. Das mag korrekt sein, ist aber äußerst umständlich. Fußnoten oder ein indirekter Vermerk der Zeitung im Fließtext hätten auch gereicht.  Zweitens wählen die Beiträge einen Ton, der die letzte, durch Zahlen bewiesene Wahrheit zeigt. Es wird zwar immer darauf eingegangen, woher und aus welcher Umfrage die Zahlen kommen, doch die Methode selbst wird seltenst angegeben. So ist der Leser dazu gezwungen, den Zahlen zu vertrauen. Auf diese Weise werden in gewisser Weise neue Fakten beziehungsweise Mythen geschaffen. Denn nicht in jedem Beitrag ist die Argumentationsstruktur so einleuchtend, wie die Autoren es darstellen.

Die dreizehn Beiträge werden durch ein ordentliches Fazit abgerundet. Darin werden alle Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst. Und es wird darauf hingewiesen, dass in dem Werk lediglich Wählerdefinitionen widerlegt wurden. Also Aussagen lediglich verneint wurden. Die Aufgabe der Wissenschaft sei es nun, anstatt Thesen wie „Die Jugend ist politikverdrossen“ zu Thesen darüber zu finden, warum sich Jugendliche politisch engagieren.Aber es gibt auch noch einen selbstkritischen Hinweis. In erster Linie werden in dem Buch Medien zitiert und kritisiert. Das Fazit weist jedoch auch darauf hin, dass viele wissenschaftliche Werke auf die untersuchten Mythen reinfallen oder durch reißerische Titel selbst zur Mythenbildung beitragen. Hier wünschen sich die Autoren auch in der Wissenschaft einen ruhigeren, differenzierteren Ton.

Insgesamt bilden die Beiträge des Sammelband einen angenehm anderen Standpunkt als die übliche Meinung und lassen deutlich positiver auf das Wahlverhalten der Deutschen blicken – solange man den Zahlen vertraut.

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