Religiös intolerant?

Der anstehende Papstbesuch fördert skuriles und erschreckendes zu Tage. Die Debatte erhitzt sich daran, dass der Papst – auf Einladung aller Fraktionen – vor dem Deutschen Bundestag sprechen wird. Einige Abgeordnete werden dieser Veranstaltung fern bleiben. Daran haben wiederum andere etwas auszusetzen und versuchen es vor allem politisch auszunutzen.

In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. Jeder darf zum Papst also stehen, wie er will. Deswegen finde ich es nicht verwerflich, wenn sich Abgeordnete an den kritischen Seiten des Papstes stören.

In Deutschland herrscht auch Meinungsfreiheit. Das bedeutet, jeder darf seine Meinung artikulieren, wie er möchte. Und weiter ausgelegt heißt es auch, dass zwar jeder seine Meinung äußern darf, aber niemand dazu gezwungen werden darf, sich diese auch anzuhören. Das gilt auch für Parlamentarier.

Der Bundestag kennt bei einigen Entscheidungen, die das eigene Gewissen betreffen, die Aufhebung des Fraktionszwanges. Das gab es zuletzt bei der Entscheidung um PID. Auch wenn jetzt alle davon sprechen, dass der Papst als Staatsoberhaupt vor dem Bundestag redet, aufgrund der Staatsform im Vatikan und der Religion für die der Papst steht, kann auch das Zuhören eine Gewissensentscheidung sein. Kann man von einem homosexuellen Abgeordneten tatsächlich erwarten, dem Papst „Respekt“ dadurch zu erweisen, dass er ihm zuhört? Und müssten nicht eigentlich alle Abgeordneten, die schon einmal daran gedacht haben, bei gewissen Tätigkeiten zu verhüten, ähnliche Probleme mit dem Besuch haben?

Nun kann man dennoch argumentieren, dass es schlechter Stil sei, einer Papstrede fern zu bleiben. Man kann einem Laizisten, Protestanten oder Atheisten, der kein Interesse an der Rede hat, vielleicht noch darauf hinweisen, dass auch Deutschlands Außenwirkung davon abhängt, wie gefüllt der Saal ist. Was man aber nicht machen kann, tun gerade die Unionsparteien. Alexander Dobrindt spricht davon, dass ein Boykott „schäbig“ und „undemokratisch“ ist. Es ist also undemokratisch, wenn Abgeordnete ihr freies Mandat so verstehen, dass sie auch frei entscheiden, wem sie zuhören oder nicht. Hermann Gröhe findet in der Tagesschau Kritik sogar „unangemessen“ und spricht selbst von Schäbigkeit der Boykottaufrufe. Er argumentiert damit, dass viele Menschen stolz darauf sind, dass der Papst „sein Heimatland“ besucht. Da fragt man sich jedoch schon, was wohl die circa 24 Millionen Protestanten in Deutschland dachten, als der Papst sie als Sektenanhänger bezeichnet hat? Wer mal eben mehr als ein Viertel der Deutschen Bevölkerung beleidigen kann, muss auch mit Kritik umgehen können. Es spricht auf jeden Fall nicht für die Demokratiefähigkeit von Teilen der Unionsparteien, wenn sie Diskurse abwürgen und diffamieren.

Da ist Bundestagspräsident Lammert beinahe zu loben. Der verweist nämlich darauf, dass keine Bänke leer bleiben werden. Jeder verlassene Stuhl wird durch ehemalige Abgeordnete aufgefüllt. Zudem sei es eh üblich, dass bei wichtigen Reden nicht alle Abgeordneten anwesend sind. Also brauche man sich auch nicht aufregen. Das ist die richtige Art, aus dem eigenen Blickwinkel unangemessene Kritik ins Leere laufen zu lassen. Wer aber so große Wortgeschütze wie Gröhe und Dobrindt auffährt, macht sich letztendlich nur selbst lächerlich.

Der Papstbesuch hat allerdings auch Positives hervorgebracht. Gerade einmal 14 Prozent halten den Papstbesuch laut einer Umfrage für wichtig. Das bedeutet natürlich auch, dass 86 Prozent ihn für unwichtig halten. Das ist gut, zeigt es in meinen Augen doch, dass sich die Menschen in Deutschland nicht von katholischen Inszenierungen hinters Licht führen lassen. Der Papstbesuch ist eine nette Geste für die vielen KatholikInnen im Land, die sich zurecht über den Besuch freuen können. Für die überwiegende Mehrheit, dass muss man einfach so sehen, ist er das Oberhaupt einer Kirche, deren Glauben man nicht teilt und der ein paar gute und einige skurile Ansichten mit sich rum trägt.

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