Fachkräftemangel – noch immer ignorierte Ursachen

Die Berichterstattung über den angeblichen Fachkräftemangel in Deutschland ist meist haarsträubend. Denn in der Regel blubbert ein Redakteur unreflektiert über das Thema. Heute war der Aufmacher auf Stern.de besagter Fachkräftemangel. Der Artikel stellt in einer Position einen Schritt in die richtige Richtung dar, vergaß aber ebenfalls die Ursachen des Fachkräftemangels zu beschreiben.

Zunächst wird das Problem beschrieben, eine Million Stellen sind in Deutschland unbesetzt, weil Ärzte, Juristen und so weiter fehlen. Die Lösung liegt scheinbar derzeit nahe: In Griechenland, Spanien und Portugal werden immer mehr EU-Bürger arbeitslos. Sie könnten nach Deutschland kommen und hier arbeiten. Doch dann die Enttäuschung: Die meisten wollen gar nicht nach Deutschland kommen. Im letzten Absatz stellt der Stern-Artikel dann eine sehr wichtige Frage: Würden solche Anwerbeversuche nicht auch eine Form von Brain-Drain darstellen? Schadet man nicht zum Beispiel den Patienten in Griechenland und Spanien, in dem man einen Arzt abwirbt? Denn die Versorgungslage dort ist ja nicht besser als hier, sondern schlechter. Abgesehen davon, dass die meisten Arbeitslosen in den Ländern sowieso diejenigen sind, denen es bisher schlechter ging, also die keine Fachkräfte waren, gibt es dortderzeit nicht das Geld, die vorhandene Lage aufrechtzuerhalten.

Die meisten Mainstream-Artikel sind einfach euphorisch, wenn es um Facharbeiterzuwanderung geht. Es wird aber immer ignoriert, dass eine Fachkraft auch in anderen Ländern nicht vom Himmel fällt. Auch außerhalb von Deutschland bedarf es einer kostspieligen Ausbildung für Fachkräfte. Eine Anwerbung von Fachkräften ist also immer eine Form von Braind-Drain.

Der Stern-Artikel vergisst aber – wie fast alle Artikel zu diesem Thema – zu hinterfragen, warum es hierzulande einen Fachkräftemangel gibt. Im Artikel wird eine Behördensprecherin zitiert, die neben der Anwerbung auch darauf setzt, Frauen und alte Menschen wieder in Arbeit zu bringen. Das ist ein heeres Ziel. Allerdings dürfte gerade im Ärztebereich die Zahl der Altersarbeitslosen sehr gering sein. Auch Frauen mit Medizinerausbildung dürften selten noch hinterm Herd darauf warten hervorgelockt zu werden. Gibt es in Deutschland einfach zu wenig Menschen, die „Ärzte, Ingenieure, Pflegekräfte  und Fachkräfte in der Industrie“ werden wollen?

Nein, es gibt genug Leute. Das Problem ist nur, dass die Strukturen der Ausbildung nicht vorhanden sind. In jedem Abiturjahrgang gibt es eine Vielzahl von AbiturientInnen, die gerne Medizin studieren wollen. Doch die meisten scheitern an dem NC. Es ist zwar richtig, dass die Arztausbildung einen hohen Standard hat. Doch man kann immer noch in den ersten Semestern selektieren. Denn viele AbiturientInnen mit einem Schnitt unter 1,1 (der in der Regel für Medizin nötig ist) sind durchaus für die Arztausbildung geeignet. Doch das Medizinstudium ist für den Staat das Teuerste, also begrenzt man die Studienplätze, um jetzt – bei fähigen Ausbildungswilligen in Deutschland – parasitär andere Länder auszubeuten.

Bei Pflegekräften ist die Situation anders. Da ist der Politik noch kein Konzept eingefallen, sie anständig zu entlohnen. Dadurch ist natürlich auch kein Anreiz geschaffen, diesen Berufsweg einzuschlagen. Hier ist die Situation besonders pervers. Die Nachfrage ist groß, der Preis müsste also eigentlich steigen. Durch verschiedene Maßnahmen, wird die Bezahlung jedoch immer noch auf einem Hungerniveau gehalten. Das ist gut, denn so können sich auch sozial-schwächere Bedürftige eine Pflege leisten. Es ist aber katastrophal für die ArbeitnehmerInnen und die Attraktivität des Berufszweiges. Hier muss eine Lösung für anständige Löhne gefunden werden und nicht Prekariatsimport betrieben werden.

Auch in der Ingenieursausbildung gibt es teilweise zu wenig Studienplätze für die Bewerber. Allgemein lässt sich festhalten, dass der Fachkräftemangel durch einen geizigen Staat erschaffen wurde und durch eine teilweise ausbildungsfaule Industrie noch verstärkt wurde. Jetzt will man das (teilweise fiktive) Problem auf Kosten anderer Länder lösen. Das ist feige und unsolidarisch gegenüber europäischen Partnern.

 

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