Volksverdummung/verhetzung

Gestern habe ich zum ersten Mal seit langem wieder mit Freunden sinnlos im TV gezappt. Das Ergebnis war die Kabel-1 Doku „Die strengsten Eltern der Welt“. Das Prinzip ist extrem einfach erklärt: Zwei extrem verzogene deutsche Kinder werden von ihren Eltern bei Kabel-1 angemeldet. Der Sender schickt die kinder für 14 Tage in ein anderers, ärmeres Land und überlässt sie dort den „strengsten Eltern der Welt“.

Gestern ging es nach Rumänien. Zwei rauchende und trinkende Kinder im Alter von 17 Jahren verbrachten die 14 Tage auf einem Bauernhof.
Ausgewählt wurden zwei Prachtexemplare deutscher Erziehung. Der Junge hat die Hauptschule abgebrochen, das Mädchen war schon seit Wochen nicht mehr im Unterricht. Sie wehrten sich mit Händen und Füßen gegen die Regeln der Gastfamilie. Erst als die Familie sie rauswarf und sie alleine nicht in Rumänien zurechtkamen, änderte sich die Einstellung der Kinder. Auf einmal befolgte sie alle Regeln, gingen mit in die Kirche, gaben gestohlenes Geld zurück und besserten sich auf ganzer Linie – innerhalb von 14 Tagen.

Spätestens da müsste man doch aufmerken. Während die Super-Nanny bei kleinen Kindern vielleicht noch in kurzer Zeit Erfolge erzielen kann, dürfte das bei 17-jährigen nicht so einfach zu erledigen sein.
Merkwürdig ist schon die Tatsache, dass die beiden Erziehungsprobleme nicht wissen, was auf sie zukommt. Sie erwarten wirklich, dass sie in den Urlaub fahren und dort gefilmt werden. Gut.
Dann schleichen sie sich nachts mit Kameranachtsichtgerät über den Bauernhof. Dabei machen sie extrem viel Krach, geraten in Räume, in denen Menschen schlafen und niemand wacht auf. Hm.
Während ihrer Flucht werden sie permanent von Kameras beobachtet. Trotzdem finden sie zwei Mal einen Anhalter, der die beiden mitnimmt. Und die Kameras? Außerdem werden die beiden Kinder extrem schlicht dargestellt. Was aber mache ich als erstes, wenn ich etwas einfacher denke und keine Möglichkeiten mehr habe? Ich wende mich an das Fernsehteam. Natürlich wird so etwas rausgeschnitten. Aber wenn die Kinder wirklich so dickschädlig sind, dass sie auf keinen Annäherungsversuch der Gastfamilie reagieren, warum sollten sie dann akzeptieren, dass das Fernsehteam ihnen nicht hilft? Merkwürdig.
Aber selbst wenn man die Situation der Flucht so akzeptiert. Der Junge hat seiner Gastfamilie Geld geklaut, um Zigaretten zu kaufen. Auf der Flucht verlangen die Fahrer der Kinder Geld von ihnen. Die tun so als hätten sie nichts und verschenken stattdessen lieber eine Kette. Es wird nicht einmal erwähnt, dass der Junge noch Geld hat. Zum Ende der Folge gibt er das Geld vorbildlich seinem Gastvater zurück. Logisch.
Insgesamt weist der Film so viele Widersprüche auf, dass man das Gefühl haben muss, dass das meiste gestellt ist.

Auch pädagogisch wirkt einiges fragwürdig.
Der Aufenthalt in Rumänien bringt große Erfolge mit sich. Die Kinder werden zwar nicht klüger, der Wortschatz bleibt auf wenige Worte beschränkt, aber sie werden zumindest etwas selbstkritisch und erkennen, wie gut sie es in Deutschland hatten. Die Erfolge wirken für 14 Tage enorm und wirken somit auch merkwürdig. Denn wie schon erwähnt, dürfte es bei einem 17-jährigen weitaus länger als 14 Tage dauern, um Erziehungsversäumnisse auszugleichen.
Genau so unsinnig ist es, die Kinder nie verstehen zu lassen, was ihre Gasteltern von ihnen wollen. Selbst mit arbeitswilligen Kindern, dürfte da zunächst gar nichts passieren. Warum muss es unbedingt eine fremdsprachige Familie sein?
Dazu kommen immer mal wieder unsinnige Kommentare, des Sprechers. Als der 17-jährige Junge sich weigert und bockig wird, meint der Sprecher, Bockigkeit bei Kindern passe nur zu fünf-jährigen. Die Pupertät wird also einfach mal ausgeblendet, denn auch da sind Kinder ja nicht gerade leicht zu ertragen.
Auf die Eltern wird in den Filmen überhaupt nicht eingegangen. Die „Super-Nanny“ sucht die Schuld ja meist bei den Erziehungsmethoden der Eltern. Das findet hier überhaupt nicht statt. Das Kind ist nicht die Summe der Erziehungsmethoden, sondern einfach böse.

Viele Szenen dürften gestellt sein, eventuell läuft einiges sogar nur über Drehbuch ab. Zudem ist der pädagogische Hintergrund fraglich. Eine typische unsinnige Sendung, die zur Volksverdummung beiträgt – eigentlich. Denn gestern stellte ich fest, dass die Sendung noch weiteres mit sich bringt.

Es fing an mit dem Spruch „Wegen euch Sozis wird so ein Abschaum in Deutschland durchgefüttert“ eines Freundes. Beide Kinder kommen aus Familien die ALG-II beziehen. Sofort wird also wieder das Bild von dem dummen, faulen und schmarotzerischem Hartz-IV-Empfänger herangezogen. Die mehrstündige Sendung wäre gar nicht zu ertragen gewesen, wenn die Gruppe nicht ständig Witze über die offensichtliche Beschränktheit der beiden Darsteller (vermutlich Laienschauspieler) gemacht hätte.

Die Bundesregierung versucht ja derzeit, den ALG-II-Satz um fünf Euro anzuheben. Darin enthalten sind zum Beispiel großzügige 2,50€ im Monat für einen Internetanschluss, gestrichen wurde Geld für Tabak und Alkohol. Und trotzdem gibt es in Deutschland, laut Zeitungsberichten, viele Menschen, die selbst diese minimale Erhöhung für viel zu viel halten. Überraschenderweise sind es neben der sogenannten „Oberschicht“ ausgerechnet die Menschen, die selbst wenig verdienen, unsichere Arbeitsplätze haben oder teilweise durch ALG-II-Mittel aufstocken müssen, die meinen, das sei zu viel. Auf SpiegelOnline erschienen daher schon Artikel, die sich darüber wunderten, dass gerade die beiden Bevölkerungsgruppen, die eigentlich zusammenhalten müssten, von der Politik gern gegeneinander ausgespielt werden. Die Artikel spiegelten ein gewisses Unverständnis wieder, warum das denn so einfach sei.

Die Antwort ist ebenfalls relativ einfach. In Internetforen werden Serien wie „Die strengsten Eltern der Welt“ häufig als „Unterschichtenfernsehen“ bezeichnet. Der Begriff kommt wohl daher, dass die Sendungen im Grundkonzept eher unsinnig sind, häufig gestellt sind und dass man sich eigentlich nur über die Dummheit und das Leid anderer amüsiert.
Aber genau das macht die Sendung auch interessant für Zuschauer, die durchaus über Intelligenz verfügen. Einen ganzen Abend kann man sich über „dumme, dicke Unterschichtenkinder“ lustig machen und gleichzeitig noch dumme Sprüche über die extrem religiösen rumänischen Gasteltern bringen. So erschafft allein die Sendung ein stereotypes-Bild von ALG-II-Empfängern, die sich durch eine Vielzahl solcher Serien im Kopf der meisten Menschen in Deutschland festgesetzt hat. Das hat dann mit Volksverdummung nur noch wenig zu tun. Volksverhetzung wäre vielleicht ein angebrachterer Begriff.

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