Weihnachtsgottesdienst

„Heilig Abend“ ist der Tag der Kirche. Denn an dem Tag gehen Menschen in den Gottesdienst, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben oder dem institutionalisierten Glauben eher skeptisch gegenüberstehen. Dieses Jahr ist das erste Jahr, indem ich nur „Heilig Abend“ in der Kirche war und eigentlich zeigte es mir auch, dass sich das nicht ändern braucht.

Dieses Jahr hat gezeigt, dass die katholische Kirche nicht nur Leichen im Keller hat, sondern auch noch den ein oder anderen Missbrauch. In Schleswig-Holstein hat sich herausgestellt, dass es auch in der protestantischen Kirche mindestens einen Missbrauchsfall gegeben hat, der vertuscht wurde. Insofern ist der Weihnachtsgottesdienst eine Chance, enttäuschte Gläubige zurück in die Kirche zu holen.

Während die katholische Kirche vermutlich – da bin ich ja nicht Mitglied – nicht anderes macht, als bewährte Dogmen fortzuführen, spreche ich der protestantischen Kirche zumindest noch eine gewisse Reformkraft zu, die über die Erlaubnis des Kondombenutzens für männliche Prostituierte hinausgeht. Leider läuft diese Reformkraft meist ins Lächerliche.

Um die „Jugendlichen“ anzusprechen, verwendet unsere Pastorin „Heilig Abend“ meist einen Spielzeug-Raben, um die Predigt witzig zu gestalten. Der hat sich heute in Geschenkpapier einwickeln lassen, um zu zeigen, dass der Wert eines Geschenks nicht von der Größe oder dem materiellen Wert, sondern von der „persönlichen Bedeutung“ abhängt. Das war die zehn-Minuten-Predigt. Was hat die Kirche Weihnachten zu sagen? Geschenke sollen persönlich sein.
Zugegeben, dass ist etwas zu enttäuscht und überspitzt formuliert, denn es wurden die kirchlichen Phrasen von Weltfrieden, Hungerbekämpfung etc. rausgehauen, denen aber ja bekanntlich kaum Taten folgen.
Das Krippenspiel setzte dem ganzen dann die Krone auf. Es wurde behutsam „modernisiert“. Den heiligen drei Königen wurde ein Diener angedichtet, der „durch Zeit und Raum reisen kann“. Er geht vorraus, um den Weg auszukundschaften. Dabei gerät er aus Versehen in die Zukunft – in unsere Zeit – quatscht mit Teenie-Mädchen und nimmt die mit in die Vergangenheit. Dabei konnte man sich weder für eine richtig modernisierte Fassung (Wie sähe die Geschichte heute aus? Wäre das von einer „christlichen“ Koalition geführte Deutschland heute bereit armen Reisenden einen Unterschlupf zu gewähren?), noch für eine komplett originalgetreue Fassung (der Originaltext wurde phasenweise verwendet) entscheiden.

Zugegeben einige Kinder hat das vielleicht angesprochen. Aber dieser Weihnachtsgottesdienst hat mich nicht zum Nachdenken angeregt und er hat aber auch keine festliche Weihnachtsstimmung erzeugt. Da kann man auch in der Bibel die Weihnachtsgeschichte nachlesen, in der Familie Weihnachtslieder singen und sich danach Gedanken darüber machen, ob die 2 000 Jahre Christentum im Verhalten der Menschen eigentlich etwas verändert hat. Oder ob die nächste „Hartz IV-Bashing-Runde“ der christlich-liberalen Koalition(inklusive „Herprämie“) nicht einer schwangeren Frau die Unterkunft zu verweigern gleicht.

Wenn die Institution Kirche sich schon irgendwie attraktiver gestalten will, sollte sie andere Mittel als Rabenpuppen und Zeitreisen verwenden. Denn so gut das gemeint ist, so lächerlich wirkt es in der Praxis. Besinnlichkeit und Nachdenken, das sind zwei Dinge, die ein Gottesdienst leisten sollte. Das geht weder durch eine langatmige 30-Minuten-Predigt, noch über ein zehn minütiges Plattitüden-Gespräch mit einem Raben.

Trotz der trüben Gedanken zur Kirche (die ja auch nur eine Institution für organisierten, nicht individuellen Glauben ist):
Frohe Weihnachten

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