Das vergessene 20. Jahrhundert – die Rückkehr des politischen Intellektuellen (von Tony Judt)

„Das vergessene 20. Jahrhundert“ ist eine Aufsatzsammlung des kürzlich verstorbenen Historikers Tony Judt. Die Bpb hat das eigentlich nur als Hardcover erschienene Buch vor kurzem in eine „Bpb-Schriftenreihe“ verwandelt und für 5€ über http://www.bpb.de vertrieben. Das Buch tritt mit dem Ansatz, die vergessenen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts und ihre Lehren zu beschreiben an. Leider kann das Versprechen nicht eingehalten werden.

Denn die Aufsatzsammlung fügt sich nicht zu einem so homogenen Werk zusammen. Das Buch beginnt noch ambitioniert mit Aufsätzen über Juden, die den Holocaus miterlebt haben und diesen verarbeitet haben. Dabei sind durchaus Namen, die einem nicht wirklich geläufig sind.
Danach geht es mit „engagierten“, meist kommunistischen Autoren weiter. Hier wird das erste Mal richtig deutlich, dass die Aufsätze allesamt Rezensionen zu Büchern sind. Klar wird das in dem Beitrag „Louis Althusser und sein eigenwilliger „Marxismus““. Judt erklärt hier nichts über den – mir völlig unbekannten – Althusser, sondern zerreißt dessen komplettes Lebenswerk und infolge auch die erschienene Biographie.

Ab dem dritten (von vier) Teilen beschäftigen sich die Aufsätze kaum noch mit Personen, sondern mit historischen Ereignissen, zu denen zum Zeitpunkt des Aufsatzes ein Buch erschien. Hier häufen sich die Aufsätze, in denen Judt eine Arbeit oder eine Darstellung eines anderen Autors zerlegt. Das liest sich zwar gut, vermittelt aber wenig Wissen über die Ereignisse und ist natürlich etwas einseitig.

Denn die Bpb fügt dem Buch keinen weiteren Hinweis zu, der es dem Leser ermöglicht, Judt einzuordnen. Das lässt sich zwar googeln, aber eigentlich wäre es ganz schön, wenn die Bpb bei einer ihrer Publikationen so etwas deutlich machen würde.

Der Ansatz, die vergessenen Ideen des 20. Jahrhunderts wieder aufzugreifen, wird also kaum verfolgt und nicht umgesetzt.
Dafür gibt es ein paar interessante Aufsätze, wie zum Beispiel Judts Klage über den „Tod des liberalen Amerikas“ und den sehr gelungen Epilog über die „Aktualität der sozialen Frage“ und die Probleme der Linken. Gerade in diesem Epilog, skizziert Judt in schönen, klaren Sätzen die Probleme und Sünden des Neoliberalismus.
Dazwischen befinden sich aber immer wieder Rezensionen von Biografien, historischen Darstellungen und Aufsätzen, mit denen man kaum etwas anfangen kann. Vor allem, wenn man sich gewünscht hat, durch das Buch etwas über vergessene Intellektuelle zu erfahren (deren im Unteritel angedeutete Rückkehr nicht einmal erwähnt wird).

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