Das Sakrament (von Tim Willocks)

Das Osmanische Reich ist 1565 am Punkt der größten Ausdehnung angekommen. Eine Flotte mit über 40 000 Soldaten steuert auf Malta zu. Fällt die Insel, ist die ganze Südküste Europas verwundbar. Auf Malta verharrt nur noch der Malteserorden, ein kriegerischer katholischer Orden. Insgesamt hat der Orden etwa 15 000 Leute aufzubieten – viel zu wenig. Der Orden wurde vor der Invasion durch Matthias Tannhäuser gewarnt, einem Deutschen der als kleines Kind von den Türken entführt wurde und jahrelang in deren Reihen gekämpft hat. Der Großmeister des Ordens möchte, dass sich Tannhäuser den Verteidigern anschließt. Er setzt dafür eine Frau mit einem merkwürdigen Wunsch ein…

Willocks Roman besticht mit seinen ungewöhnlichen Hauptfiguren. Im Gegensatz zu den spannenden und gelungen historischen Romanen von Rebecca Gablé ist die Hauptfigur alles andere als ein Held. Stattdessen wird sie von eher niederträchtigen Motiven geleitet: Geldgier und Triebe. Das ist zunächst einmal positiv. Im Laufe des Romans gerät dies jedoch zur Schwäche. Denn Willocks beschreibt die Taten Tannhäusers absolut unkritisch, obwohl dessen Taten durchaus zur Kritik nötigen. Man könnte noch argumentieren, dass die Grausamkeit, die Tannhäuser erfährt und vor allem ausübt, besonders realistisch für die Zeit ist. Allerdings muss man in dem Fall sagen, dass sich Tannhäuser aus vielen Situationen retten kann, in denen er außerhalb der literarischen Welt garantiert den Tod gefunden hätte.

Tod ist sowieso zu Überfluss in dem Roman vorhanden. Knappe 150 Seiten dauert es, bis die Türken Malta erreichen. Danach geht das Gemetzel los. Am Ende kann sich der Leser nicht mehr erinnern, wie viele Schlachten Willocks beschrieben hat. Mit Glück fallen einem noch die Namen der Gefallenen Bastionen ein (St. Elmo und dann?).

Tannhäuser wird von einer Edeldame nach Malte gelockt, die dort ihren unehelichen Sohn sucht. Unglücklicherweise ist der Vater des Kindes ein hohes Tier in dem heiligen Orden der Inquisition. Und so wird schnell Tannhäusers bisheriges Händlerleben zerstört, sodass er eigentlich keine Wahl hat als nach Malta zu gehen. Die Suche nach dem Sohn, die Liebschaft zu der Dame und deren Freundin sowie die Intrigen der Inquisition bilden dann auch die Geschichte, die es neben dem Gemetzel tatsächlich noch gibt.

Auch hier zeigt Willocks, dass er sich durchaus etwas gedacht hat. Alle Institutionen sind sauber recherchiert, die Charaktere wirken meist glaubwüridg.

Dennoch kommt kaum Spannung auf. Zwar ist der Ausgang des Romans nicht vorhersehbar, aber jedes Ereignis ist es. Wenn man liest, kann man immer erahnen, was als nächstes geschieht. Mal weiß man bereits was die Inquisition plant, bevor Tannhäsuer es erfährt, mal liegt es einfach auf der Hand, was als nächstes passieren wird. Das macht gerade ein mehr als 700 seitigen Roman recht langwierig.

Erst zum Schluss als die größte Intrige des Inquisitors offenbahrt wird, entsteht so etwas wie Spannung. Willocks „entsorgt“ im folgenden fast alle Nebencharaktere. Das geschieht mit entsetzlich wenig Gefühl. Auf wenigen Seiten werden Freunde und Feinde, die bisher die blutigsten Gefechte überstanden habe, vernichtet. Während Willocks zwar zugibt, dass der Tod der Freunde, Tannhäuser und der Dama Carla zu schaffen machen, berührt das den Leser kaum. Stattdessen ist man verblüfft, wie wenig solche Grausamkeiten berühren. Vielleicht waren die vorherigen Schlachten einfach zu viel.

Völlig unsinnig ist dann die Kehrtwende des Inquisitors, der für die Entstehung von Carlas Sohn verantwortlich ist. Er ist das Böse in Person und auch noch davon überzeugt, dass er für das gute kämpft. Als Tannhäuser ihn aber zum Schluss (durch extrem viel Glück) besiegt und er im Sterben liegt, zeigt er Tannhäuser, dass er sich gebessert hat. Kurz vor seinem Tod erkennt er, der Schlächter im Namen Gottes, seine Fehler. Kitschiger geht es eigentlich nicht. Zumal die Kehrtwende „nur“ durch den Anblick seines Sohnes ausgelöst wurde. Für jemanden, der bis dahin das Böse in Person war, ist das ganz schön wenig.

Man muss Willocks zu Gute halten, dass er eine interessante Zeit herausgepickt hat und dass er den sinnlosen Fanatismus auf beiden Seiten sehr gut darstellt. Nach dem Buch hat man, gerade weil alle dem Krieg so unkritisch gegenüberstehen, die Nase voll davon. Ob das für einen guten Roman ausreicht, sei dahingestellt.

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