Romeo und Julia auf dem Dorfe (von Gottfried Keller)

Schon der Titel der Novelle lässt den Ausgang derselben erahnen. Auch die grobe Handlung ist damit eigentlich schon vorgezeichnet.

Keller erählt die Tragödie sowohl in „vereinfachter“ als auch in „witzigerer“ Form.
Vereinfacht ist sie deswegen, weil das Charakterarsenal deutlich zurückgefahren wurde. Es gibt zwei Familien mit insgesamt fünf Mitgliedern. Daneben gibt es noch einen Landstreicher, der um sein Gut betrogen wurde. Der Rest der Charaktere ist für die Handlung mehr oder weniger unwichtig.
Witzig ist vielleicht der falsche Begriff, denn natürlich ist die Geschichte und gerade ihr Ausgang alles andere als witzig. Kellers Grund für den Konflikt der beiden Familien ist ein Acker. Dieser liegt zwischen den Äckern der beiden bodenständigen Bauernfamilien und wurde von eienr Familie gekauft. Nun streitet man sich über die Ackergrenze und treibt sich durch Anwaltskosten selbst in den Ruin. Dieser (sehr anschauliche) Konflikt verdeutlicht die Absurdität des Familienhasses.

Die beiden Familien geraten im Verlauf der Novelle beide an einen Abgrund. Nur die beiden Kinder, namens Vrenchen und Sali, tragen den Hass auf die anderen nicht mit sich. Nein, sie leiden sogar daran, dass ihre Familien zugrunde gehen.
Als sie sich nach Jahren begegnen, verlieben sie sich sofort ineinander. Nachdem sie feststellen, dass es für ihre Liebe keine Zukunft gibt, verbringen sie einen glücklichen Tag miteinander und bringen sich danach um.

Das Ende ist bitter. Der „glückliche“ Tag nimmt einen großen Teil der Novelle ein. An dem Tag erlebt Vrenchen ein Leben als Braut. Außerdem diskutieren die beiden immer wieder, ob es nicht doch Chancen für ein gemeinsames Leben gibt. Immer wieder taucht auch eine Möglichkeit auf, die dann jedes Mal jäh verworfen wird. Wie in dem „Original“ von Shakespeare führt das Verhalten der Familien (das eine Ehe unmöglich macht) zum Tod der Kinder.

Die Novelle macht aber auch Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung deutlich. Denn die Familie Salis muss nach einer Weile in die Stadt ziehen. Dort geht es ihr genau so schlecht, aber Vrenchens Vater vermutet, dass sie dort alles haben, was sie brauchen. Gleichzeitig stellt sich heraus, dass die Dorfgemeinschaft, die eigentlich recht verschworen ist, Familien schnell fallen lässt, wenn sie sich runterwirtschaften. Auch keine angenehme Erfahrung.

In gewisser Weise ist auch Armut ein Thema der Novelle. Beide Familien verarmen selbstverschuldet. Darunter leiden aber in erste Linie die Kinder, die mit dem Streit nichts zu tun haben. Sie geraten unverschuldet in ärmliche Verhältnisse und müssen mit den Konsequenzen leben. In diesem Fall können sie mit den Konsequenzen eben nicht leben.

„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ ist eine recht einfallsreiche Umschreibung der Tragödie, die vor allem die dörfliche Atmosphäre authentisch darstellt. Dazu gibt es teilweise ausufernde Naturbeschreibungen, die sich der Stimmung der Novelle anpassen.
Insgesamt eine kurze, vorhersehbare Lektüre, die den Unsinn von Hass und gesellschaftlicher Regeln sowie das Leid, das durch Armut ausgelöst wird deutlich macht.

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