Hiobs Brüder (von Rebecca Gablé)‘

Gablés neuester „historischer Roman“ konzentriert sich auf die Zeit des englischen Bürgerkriegs von 1135 bis 1154.

Die Autorin erzählt die Geschichte einer Gruppe behinderter Menschen. Sie alle sind auf einer Insel vor der Küste eines Klosters eingesperrt. Die Mönche des Klosters glauben, die Gebrechen der Beinderten seien eine Strafe Gottes, weswegen man die Allgemeinheit vor den Sündern schützen muss.
Nach einem Sturm gelingt es der Gruppe von der Insel zu fliehen. Das Abenteuer beginnt.

Ganz untypisch ist diesmal kein Ritter Hauptperson eines Gablés Roman. Stattdessen hat man die ersten dreihundert Seiten über das Gefühl, hier würde die Geschichte „normaler“ Menschen erzählt werden.
Das ist ein sehr angenehmes Gefühl, denn so erlebt man – mehr als in den anderen Romanen – das harte Mittelalter, in dem jeder auf sich selbst gestellt ist. Sonst geschah dies nur, wenn der Held mal wieder auf der Flucht war.

Aber natürlich kann es in einem Gablé Roman nicht nur um einfache Menschen gehen. Es stellt sich heraus, dass Losian, der Mann ohne Gedächtnis, eigentlich ein nicht unmächtiger Ritter ist, der eine wichtige Rolle im englischen Bürgerkrieg spielt.
Auf den anderen sechshundert Seiten erlebt man daher, wie die Gruppe Ex-Gefangener auf einmal eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg spielt.

Das ist natürlich enorm faszinierend. Wie immer gelingt es Gablé perfekt die verschiedensten Personen zusammenzuführen und glaubhaft auszuarbeiten. So fiebert man jede Seite mit und die 900 Seiten des Romans gehen wie im Flug vorbei.

Dabei sind die Charakter sowohl stereotyp als auch tiefgründig. Das hört sich erst einmal seltsam an. Tatsächlich sind die Guten restlos gut. Die Bösen sind demnetsprechend restlos böse.
Losian ist, auch nachdem er sein Gedächtnis wiedergefunden hat, der perfekte Edelmann. Die wichtigsten Gegenspieler sind gänzlich böse Menschen.
Trotzdem gibt einem Gablé das Gefühl, es mit vielschichtigen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Die Guten müssen schwierige Entscheidungen treffen, die zwar immer gut gemeint sind, manchmal aber auch ganz schön nach hinten los gehen.
Sprich: Die eigentlich Eintönigkeit der Charakter fällt beim Lesen überhaupt nicht auf.

Das liegt zum größten Teil daran, dass die guten Charaktere enorme Wandlungen durchmachen. So entdeckt Losian – wie bereits erwähnt – wieder sein Gedächtnis. Simon, der Fallsüchtige, erkennt seine Begabung zur Diplomatie. Und auch die anderen Personen entwickeln sich, aber halt immer in eine gute Richtung, trotz all der schlimmen Situationen, in die sie geraten.

Stattdessen gelingt es Gablé durch das Buch sogar ein wenig über das Zeitalter der „Anarchy“ in England zu informieren. Immerhin ist das ein Stück englischer Geschichte, die hierzulande gänzlich unbekannt ist.

Die Geschichte entwickelt sich im Laufe des Buches so weit, dass man kaum mehr glauben mag, dass es den Anfang überhaupt gegeben hat. Das ist diesmal natürlich besonders krass. Der Ausgangspunkt (Ankunft eines Fallsüchtigen auf der Insel) ist so weit vom Schlusspunkt (Ende des Bürgerkrieges herbeigeführt durch die Leistungen einiger Inselgefangener), dass es fast schon fantastisch wirkt, wie die Autorin solche Entwicklungen authentisch beschreiben konnte.

„Hiobs Brüder“ reiht sich somit in die Reihe von Gablés anderen historischen Romanen ein. Er ist extrem spannend zu lesen, hat sympathische Charaktere, die zur Identifikation einladen, enthält eine schier endlose Reihe an schlimmen Situationen, ist nicht mehr aus der Hand zu legen und erzeugt zum Schluss wieder eine positive Stimmung.

Wobei das Ende von „Hiobs Brüder“ sich aus der Reihe abhebt. Denn der skurrilste Charakter aus dem Buch hat da noch einen letzten, mystischen Auftritt…

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