To kill a mockingbird (von Harper Lee)

Unsere letzte Englischlektüre war überraschend angenehm: ‚To kill a mockingbird‘ war nach den Themen „Muslime in Großbrittanien“ und „Mexikaner in den USA“, doch mal etwas angenehems.

Die gesamte Geschichte ist aus der Sicht von Jean Louise Finch – genannt Scout – geschrieben. Sie und ihr Bruder Jem wachsen in den Südstaaten zur Zeit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre auf. In ihrer Stadt Macomb herrschen Intoleranz und Rassenhass.
Das Familienleben wird von zwei Dingen überschattet: Boo Radley, der Nachbarssohn, der das Haus seit 30 Jahren nicht verlassen hat, und Tom Robinson, ein Schwarzer, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll und von Scouts Vater Atticus verteidigt wird.

Das Buch beginnt ruhig mit der Beschreibung von Scouts Kindheit. Auch im weiteren Verlauf nimmt sich die Autorin immer wieder Zeit unzählige kleine Geschichten in den Kapiteln zu erzählen. So wird ein eindrucksvolles Bild von Scout, ihrer Familie und der amerikanischen Kleinstadt im Süden der USA gezeichnet.

Etwas störend ist jedoch Scouts Vater, Atticus. Laut der englischen Wikipedia ist er mittlerweile unter einigen Juristen ein wahrer Held. Und in der Tat ist Atticus ein Held. Er ist aufrichtig, ehrlich, tolerant, pazifistisch und alles, was sonst noch positiv ist. Eigentlich müssten jedes Mal, wenn er den Raum betritt, Harfenklänge ertönen, ein paar Engel singen und ein Leuchten den Raum durchfluten.
Es ist zwar wichtig für das Buch (und den eventuellen Bildungsauftrag), dass es so eine positive Figur gibt, aber in Anbetracht der Situation ist es schon ein wenig krass, wie sich Atticus verhält.

Denn je näher man die anderen Bewohner Maycombs kennenlernt, desto deutlicher wird, dass Atticus eigentlich überhaupt nicht in die Stadt passt.

Das Buch greift unzählige Themen auf. Waffengebrauch, Rassenhass, Klassenunterschiede, Gerichtswesen, Todesstrafe, Rollenbilder sind nur einige davon. All dies wird jedoch sympathisch aus der Sicht von Scout, die zwischen vier und neun Jahre in dem Buch ist, erzählt. Gerade diese Kindesperspektive ist zunächst sehr angenehm und witzig.

Ab der zweiten Hälfte verliert diese Perspektive jedoch den Reiz des Neuen und Atticus Übergutheit tritt deutlich zu Tage. Das ist auch noch gut, aber wirkt dann doch teilweise zu bildungsromanartig.
Angenehm zu lesen, ist das Buch aber trotz alledem. Schließlich möchte man ja auch noch wissen, wie es Boo Radley eigentlich geht – auch wenn das ein etwas skurriler und schwacher Handlungsstrang ist.

Typisch für die Amerikaner ist, dass Elterninitiativen wohl häufiger versuchen, dieses Buch aus den Schulen zu entfernen. Ironischerweise meistens mit dem Argument, dass Schwarze gegenüber Weißen schlecht wegkommen. Ironisch deswegen, weil es zwar so tatsächlich so in Maycomb ist, aber gerade dadurch, dass es so dargestellt wird, ja auch Sympathie geweckt wird. Abgesehen davon waren die Zustände damals in den Südstaaten wirklich so, die Geschichte zu verleugnen, hat noch nie etwas gebracht.

Mit „To kill a mockingbird“ hat man das Gefühl, direkt in die Südstaaten der 30er Jahre versetzt zu werden – plus einen toleranten, guten Anwalt, der so überhaupt nicht in diese Zeit passt.

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