Höflichkeit auf Deutsch

Es kommt doch immer mal wieder vor, dass Diskussionen in der Schule einen bis in den Nachmittag hinein verfolgen.
So auch heute. Im Deutsch-Lk starteten wir eine dieser sonst so schrecklichen „Wie findest du dich als Deutscher“-Debatten. Diesmal aber nahm die Unterhaltung eine interessante Wendung. Die zentrale Frage wurde nämlich immer mehr, ob man die norddeutsche Direktheit einer aufgesetzten Höflichkeit, die man im Ausland häufiger als hier findet, bevorzugt oder nicht.

Da kam ein Schülerin mit dem Beispiel Japans. Dort wären alle Leute total höflich. Man bedanke sich sogar bei dem Busfahrer dafür, dass man mitfahren durfte und der bedanke sich dafür, dass man mitgefahren sei.
In der Schule gäbe es einen völlig anderen Respekt vor dem Lehrer. Am Ende des Tages verbeuge man sich gar vor ihm in einer festgelegten Zeremonie.

Für mich, der ich leider nicht in Japan sondern in Australien war, ist diese aufgesetzte Höflichkeit eher störend.
Ich kann es nicht genau beschreiben, aber mich stört es, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, obwohl es ihn gar nicht interessiert.
Wenn ich frage, wie es meinem Gegenüber geht, dann weil ich an der Person interessiert bin und nicht aus reiner Höflichkeit. Dadurch besitzt diese Frage auch einen gewissen Wert, die sie durch gesellschaftlichen Zwang in meinen Augen verliert.
In australischen Geschäften ist es gar so, dass die Angestellten mehr oder weniger gezwungen sind zu fragen, wie es dem Kunden geht.
Da gefällt mir das ehrliche „Was wünschen / wollen Sie?“ weitaus besser.

Abgesehen davon, dass ich strengen Zeremonien wie zum Beispiel das Verbeugen vor bestimmten Personen tendenziell ablehnend gegenüber stehe, kann man natürlich nicht abstreiten, dass durch Freundlichkeiten wie in Japan der Wert der Arbeit erhöht wird. Andererseits frage ich mich auch da, ob es sich nicht in Wirklichkeit eher um leere Worthülsen handelt.
In Australien hat mich nur wenig gestört. Aber diese ständigen Floskeln ohne wirklichen Ausdruck dahinter haben mich nach einer Weile wirklich genervt.

In meinem Jahrgang geht auch ein Mädchen, das von zu Hause ausziehen musste und sich nun durch einen Nebenjob bei einem Supermarkt ihren Lebensunterhalt verdient. Letztens habe ich sie erzählen gehört, wie unfreundlich und vor allem ungeduldig die Kunden an der Kasse häufig sind. Schnell artet eine kleine Verzögerung in üblen Beschimpfungsarien aus. Das kann natürlich nicht sein. Aber würde sich das ändern, wenn sie fragen würde, wie es dem Kunden geht?

Es würde sich sicher ändern, wenn wir alle wie – von einer Schülerin beschrieben – in Japan zu allem und jenen lächelnd danke und amen sagen.
Aber ein ruhiges und respektvolles Verhalten müsste auch ohne erwartete und festgeschrieben Formulierungen selbstverständlich sein.

Ich für meinen Teil bin froh, dass wir hier in Norddeutschland relativ direkt sind. Ich weiß so in den meisten Fällen wenigstens voran ich bin. Denn wer mich nicht mag, der wird auch nicht freundlich zu mir sein. Schließlich ist nichts blöder, als zu bemerken, dass jemand der freundlich schien, einen eigentlich überhaupt nicht riechen kann.
Allerdings frage ich mich nun doch ein wenig, ob ich als Kassierer oder Busfahrer ebenfalls so denken würde…

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